‚Der Brand‘ von Daniela Krien

Der Sommerurlaub steht kurz bevor, als das Telefon klingelt. Rahel zögert und nimmt schließlich den Hörer ab. Ein Telefonat, das keinen Aufschub duldet. Es ist der Vermieter der Berghütte, die sie und ihr Mann Peter buchten. Drei Wochen Urlaub in den Alpen war der gebuchte Plan in einem Haus, das über Nacht den Flammen zum Opfer fiel. Also was tun? Freunde der Familie bieten, aus der Not geboren, Lösung an. Ruths Mann Viktor erlitt einen Schlaganfall und Ruth bittet, ob sie nicht den Hof hüten und die Tiere versorgen könnten. Drei Wochen Uckermark bei schönstem Sommerwetter.

Die Ehe zwischen Rahel und Peter besteht seit Jahren. Seit vielen Jahren mit Höhen und Tiefen. Ein Tief wie dieses hatten sie noch nicht erlebt. Peter, Germanistikprofessor an der TU, sah sich aufgrund dummer Äußerungen einem Shitstorm ausgesetzt, verbunden mit dem Gefühl, von Rahel unverstanden zu sein in seiner quälenden Situation. Nun sitzen Rahel, von Hause aus Psychologin, und Peter in der Uckermark, als spontan die gemeinsame Tochter einen Besuch abstattet. Selma ist der Gegenentwurf zu Rahel. Rahel, die hinterfragt, die abwartet, die geradlinig ist. Und nun drei Wochen Uckermark, die ein Familienleben mit Fragen und Fragezeichen und großer Liebe konfrontieren. Drei Wochen, die in Frage stellen und zurechtrücken.

‚Der Brand‘ von Daniela Krien ist ein Roman in der Tradition seiner Vorgänger. Die Protagonist:innen entstammen der gutbürgerlichen Mittelschicht. Gegenentwurf zur inneren und äußeren Ordnung in der Uckermark bildet Dresden mit dem vermeintlich progressiven Leben in der Neustadt. Daniela Krien verhandelt die Themen der Zeit dabei mit großem Weitblick. Generationenkonflikte, gesellschaftliche Brüche verbunden mit dem Wunsch gegenseitiger Achtung und Toleranz. Dieses Kunststück gelingt geradezu ausgezeichnet. Gewohnt umsichtig wählt die Autorin Worte und reiht Sätze aneinander, die durch die Reduktion auf das Wesentliche einen wundervollen Roman ergeben – inhaltlich wie sprachlich.

Mit seinen 270 Seiten bildet ‚Der Brand‘ die Fortsetzung im Kanon zeitgenössischer Literatur, die das Leben im Osten zum Inhalt hat. Sokratisch richtet die Autorin Fragen an ihre Leserschaft, die Widersprüche aufzeigen und gleichzeitig vermitteln. ‚Der Brand‘ ist ein anrührender Roman für verregnete Sonntage, für laue Tage am See, für ruhige Momente. Ein Roman, der ohne Zeigefinger auskommt, der nicht moralisiert, aber eine feste Haltung zur Grundlage hat. Diese Haltung, verbunden mit dem fragenden Blick der Autorin, sind die besondere Note eines Romans, den ich unumwunden empfehle.

  • Gelesen im September 2021
  • Aufmerksam geworden durch die Besprechung in der Süddeutschen vom 2. September.

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