‚Crash‘ von Susanne Saygin

Weshalb in einer schrumpfenden Gesellschaft Wohnungsmangel das Problem unserer Zeit darstellt, ist zwar nicht Gegenstand der Handlung, jedoch wesentlicher Ausgangspunkt. Denn die Nolden-Bau AG baut Wohnungen. Viele Wohnungen sogar. Zunächst für kleinere Einkommen im sozialen Wohnungsbau, später für solventere Kund:innen. Was gleichzeitig sehr viel Sinn ergibt. Denn Wolf, Dr. Thorsten Wolf, wertschätzend der böse Wolf genannt, verdient mehr als drei Durchschnittsverdienende im Prenzlauer Berg zusammen. Und Wolf ist von seinem Leben gelangweilt. Vielleicht ist er deshalb ein wahnsinniges Arschloch zu Subalternen, aber auch zu sich selbst. Bis er als aufstrebender Staranwalt bei einem Vorzeigemittelständler das Mandat für Nolden-Bau übernimmt.

Szenenwechsel. 40 Kilometer von der nordwestlichen Küste Schottlands. Isa erhält einen Anruf. Die gemeinsame Freundin und ehemalige Mitstreiterin Mira sei verschwunden. Schon seit Monaten ohne Spur, ohne Grund. Isa beschließt, ihr Versteck am Ende der Welt zu verlassen und befindet sich sieben Stunden später im TXL. Isa war Investigativjournalistin und ihr Thema war Nolden-Bau. All die Machenschaften, die Schwarzarbeit, Gewalt, Erpressung bis hin zu Mord. Isa recherchierte, deckte auf, veröffentlichte. Und nun, nun ist Christoph Nolden tot und Isa steht wieder im Leben, jetzt im Heute und Hier.

Im Heute und Hier spielt Susanne Saygins zweiter Roman ‚Crash‘, der ohne Nachwort auf 408 Seiten ein Schlagabtausch großer Topoi ist. Arbeit, Karriere, Geld im familiären Speckmantel auf der einen Seite – Immobilienkrise, rechter Roll-back und organisierte Kriminalität auf der anderen. Saygin stellt in diesem Sujet zwei Protagonist:innen gegenüber, die unterschiedlicher und zugleich ähnlicher nicht sein können. Auf den zweiten Blick jedenfalls und darin liegt eine Stärke des Romans, der mehr Thriller als Gesellschaftsroman sein möchte. Keine überzeichneten Linien, kein schwarz und weiß. Alle gingen über Leichen und im Laufe der sehr verdichteten, sehr schneller Erzählung oszillieren die Sympathien.

Eine zweite Stärke von ‚Crash‘ ist die Detailverliebtheit. So zeichnet Saygin ein pointiertes Bild vom Handlungsort Berlin und der deutschen Gesellschaft, das umfänglich von krasser Armut, Dekadenz bei grotesker Abscheu vor der Normalität gekennzeichnet ist. Das ist schade, denn die Autorin will zu viel. Weniger ist auch an dieser Stelle mehr, was die Glaubwürdigkeit und meine Lesefreude ab dem letzten Drittel deutlich schmälert.

Nichtsdestotrotz ist ‚Crash‘ ein faszinierendes Brennglas auf die Pre-Corona-Gesellschaft, auf Berlin und das große Geldverdienen in den Anwaltskanzleien und Konzernen. Ein Roman, der fesselt, der mitreißt, der Zwischentöne anstimmt und in den Vordergrund stellt. Der allerdings manches zu laut und Leises oft erzwungen zu verhandeln versucht. Geschmackssache, klar, aber lesenswert allemal.

  • Gelesen im September 2021
  • Ich danke herzlich dem Heyne-Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

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