‚Die Bagage‘ von Monika Helfer

Wer ist die Schönste im ganzen Land, fragten sie, obwohl sie gleich die Antwort kannten. Hinten, weit hinten. Weit hinter Bregenz musst du suchen. Hinter dem Bodensee und Bregenz hinauf in die Berge musst du fahren und dort suchen. Weit hoch das Tal hinauf durch kleine Städte und Dörfer und Dörfer, die diese Bezeichnung nicht verdienen. Im hintersten Dorf, ganz hinten im Tal, der hinterste Hof, der letzte vor den Bergen, dort wohnt sie. Dort wohnt sie in den Bergen. Mit ihren Zwergen und Josef, und alle nennen sie nur: Die Bagage.

Der gleichnamige Roman ist ein Roman, der wenig erzählt und viel, sehr viel sagt. Er berichtet vom Leben vor 100 Jahren auf dem Lande, im Bregenzer Gebirge zwischen Lichtenstein, Bodensee und unbewohnbarem Gebirge. Bäuerliches Leben mit Zwängen, Nöten, Freude, sozialer Kontrolle und Meinung. Eine Menge Meinung und Gerede über eine Familie, die auf vielerlei Weise nicht in der Mitte der Dorfgemeinschaft – ergo der Gesellschaft – steht. Die Mutter zu hübsch, der Vater zu ruhig, der eine Junge zu schlau, der andere zu tierlieb. Und dann wohnen sie abseits, zu weit hinten und zu weit oben im letzten Hof, im allerletzten wo grad der Weg zum Pfaffen besonders weit ist.

In ihrem 159 Seiten umfassenden Roman ‚Die Bagage‘ schreibt Monika Helfer ganz vorzüglich über die Geschichte einer österreichischen Bauernfamilie. In Mittelpunkt stehen die Großmutter Maria während der Jahre 1914 bis 1918, die kriegsbedingte Abwesenheit ihres Mannes und das Gerede der Menschen im Dorf. Im retrospektiven Dialog zwischen Marias Enkelin und ihrer Tante reist die Leserschaft in eine seltsam unaufgeklärte Zeit zu besonders hutzeligen Menschen.

Durch die besonders schöne, besonders bildhafte Sprache fallen Vergleiche zu weiteren vom historischen Landleben handelnden Roman nicht schwer. Genannt sind beispielsweise ‚Mittagsstunde‘ von Dörte Hansen oder ‚Tierreich‘ von Jean-Baptiste Del Amo. Monika Helfer skizziert präzise ein gesellschaftliches Artefakt, das in dieser Form wohl selbst zwischen Lichtenstein, Bodensee und Tiroler Alpen nur noch auf schwarz-weiß Fotografien dokumentiert ist. Mein Fazit also: Ein kleines Schmankerl zwischen Nordseeurlaub und Skivergnügen, zwischen Früher und Heute, zwischen Stadt und Land. Klar, wenig schöngeistig, dafür offen, warmherzig und im Subtext erzählend. Mit einer ganz eigenen Sprache, die man mögen kann, aber nicht muss.

  • Gelesen im Juni 2020
  • Eine Empfehlung von Denis Scheck bei Druckfrisch vom 26. Januar 2020.

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