‚Lob der Homosexualität‘ von Luis Alegre

Die Berliner Pride Week ist Anlass, um ein ambivalentes Sachbuch vorzustellen: ‚Lob der Homosexualität‘ von Luis Alegre. Es beginnt mit einer Begründung, weshalb der Autor sein Lob auf die Homosexualität schreibt oder schreiben soll. Denn Alegre als weißer schwuler Mann der oberen Mittelschicht, Professor für Philosophie und Mitgründer der Partei Podemos, wurde gebeten, dieses Lob zu verfassen. Durchsichtig gerät seine Begründung zur Rechtfertigung und offenbart bereits zu Beginn der 216 Seiten bedauerliche Konstruktionsfehler.

Zurück auf Los! Grundlage und Ausgangspunkt ist die Frage, was naturgegeben – also natürlich – ist und was gesellschaftlich konstruiert. Die Argumentation gründet auf Foucault, wonach soziale Wirklichkeit maßgeblich durch Sprache und menschliches Handeln manifestiert wird. Somit in dessen Folge auch der gesamte Komplex (heterosexueller) Paarbeziehungen – Rollenbilder, Rollenverteilung und Sexualität inklusive. Alegre dekonstruiert die allgegenwärtige Heteronormativität mit den Mitteln der Gender Studies auf eine Weise, die sehr fruchtbar ist für das Verständnis von patriarchalen Strukturen und Lebensmodellen.

Alegres zentraler Begriff ist die (männliche) Wabe. Eine Schablone oder Regieanweisung, wie Menschen zu sein und ihre Sexualität zu leben haben. Bis zu diesem Punkt ist ‚Lob der Homosexualität‘ ermutigend und inspirierend. Warum? Weil heteronormative Sozialisation ein mehr oder weniger unbewusster, aber allumfassender Prozess ist. Sich diesen Prozess und seine Inhalte zu vergegenwärtigen, ist keineswegs trivial und große Stärke dieses Buches. Alegre geht weiter und benennt schließlich des Pudels Kern: „Wir Homosexuellen setzen uns als Avantgarde seit Jahren dafür ein, dass alle freier werden; auch dafür, dass sich die Heterosexuellen […] von der kompletten Bedienungsanleitung befreien können, die alles enthält, was eine normale Person ausmacht“ (S. 91). Oder scheinbar auszumachen hat.

Was Alegre darüber hinaus zu Papier bringt, ist redundant, flach und exkludierend. Auch wenn er im Vorwort zur inklusiven Sprache bittet, auf Diskriminierung aufmerksam zu machen, gelingt es ihm nicht dazustellen, weshalb der schwule Mann als Avantgarde Großes leistet, queere Menschen im Allgemeinen jedoch nicht. Auch wenn Alegre als Lösung die Weiterentwicklung der LGBTI*- bzw. queeren Communities als Lösung präsentiert, bleibt die Art und Weise unscharf und der Autor am selbstverliebten Klischee schwuler Subkultur kleben. Zu großen Teilen argumentiert er unterkomplex, simplifizierend und unnötig dogmatisch, was ermüdet.

Mein Fazit: Trotz vieler Schwächen und einer schwierigen Übersetzung kann ‚Lob der Homosexualität‘ Perspektiven ändern, Argumente liefern und zu hilfreichen Debatten anregen. Progressive Subkultur(en) als Freiraum zu präsentieren und als freiheitsstiftend zu identifizieren, gelingt. Zum Thema empfehle ich meiner Leserschaft ganz besonders den Podcast Somewhere over the Hay Bale. Queere Lebenswege auf dem Land – sehr menschelnd, sehr ehrlich, sehr hörenswert. Danke dir, lieber Fabian!

  • Gelesen im Juli 2020
  • Aufmerksam geworden durch Susanne Billigs Kritik bei Deutschlandfunk Kultur vom 27. Februar 2019.

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