‚Laufen‘ von Isabel Bogdan

Schuhe an, Jacke an, Hose und Jacke und Schuhe an. Anziehen, Tür aufschließen, aufsperren und Treppe runter. Mit Schuhen und Jacke und Hose und Schlüssel und Kribbeln in den Beinen. Rausgehen und laufen gehen. Rausgehen und laufen, um wegzulaufen und nicht wegzulaufen. Laufen, um weiterzulaufen. Nicht im Kreis, nicht im Park nur drei Runden oder auf der Laufbahn mit all den anderen. Nicht mehr weglaufen, sondern einmal um die Alster. Die Anmeldung steht und das Training lässt sich gut an. Nicht immer, aber immerhin. Ein, ein, aus, aus, aus, ausatmen. Ein, ein, aus, aus, aus und immer weiter, bis die sieben, die zehn Kilometer geschafft sind. Laufen, weiterlaufen, nicht weglaufen.

Darum gehts: Es geht ums Laufen. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin kehrt zurück auf die Aschenbahn des Lebens. Ihr Ziel ist weniger die körperliche als die geistige Fitness. Vielleicht auch beides, denn ein harter Schicksalsschlag würfelte ihr Leben durcheinander und warf sie – im wahrsten Sinne des Wortes – aus der Bahn. So wird das Laufen, das Schuhe an, Hose an, Treppe runter, ein, ein, aus, aus, ausatmen ihr Weg zurück ins Leben.

Isabel Bogdans 200 Seiten ‚Laufen‘ erzählen weit mehr als schlicht vom Training auf den Alster-Lauf in Hamburg. ‚Laufen‘ ist auf zweierlei Weise ein Buch der Stunde und ebenso ein Buch dieser Zeit. Bogdan lässt die Protagonistin im inneren Monolog ihren Verlust verhandeln und offen sprechen über Depressionen, Suizid und ihren Weg zurück ins Leben. Gleichzeitig ist ‚Laufen‘ ein herrliches Geschenk an alle Sportmuffelinos. Denn wer sportelt, schaltet ab, tankt auf, tut Körper und Geist viel Gutes.

Die Autorin entschied sich für ein Tempo, das machbar ist. Und schaffbar. Ihr Stil ist gefällig und locker für Nachmittage am See geeignet. Von Kapitel zu Kapitel hellen sich Sprache und Form auf, werden fröhlicher, sonniger. Wenn das Thema nur nicht so arg speziell wäre. Oder gerade deswegen! Deswegen ist ‚Laufen‘ ein wichtiges Buch, bei dem man hinten raus zu lächeln beginnt. Anfangs nur wenig und später immer und immer mehr. Ein Roman, der sich lohnt, aber Zeit zum Liegen braucht. Doch hat man erstmal begonnen, fliegen die Seiten dahin wie die Meter im Sprint. Sport frei!

  • Gelesen im Juni 2020
  • Zufallsfund aus der Rubrik Das besondere Buch in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

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