‚Tierreich‘ von Jean-Baptiste Del Amo

Es ist das Läuten der Glocken, das wiederkehrende Glockengeläut im Dorf, das Neuigkeiten ankündigt. Neuigkeiten, die Schlechtes oder die Gutes bedeuten. Glockengeläut zur Taufe der Neugeborenen. Zur Hochzeit des Bauernjungen und der Tochter vom Nachbarhof, die nur schwer den sich bereits wölbenden Bauch verstecken kann. Später dann das Geläut der Totenglocke. Die Nachricht von der alten Bäuerin, die nun als Witwe den Hof bewirtschaften muss. Die Kirche als Mittelpunkt des dörflichen Lebens, der bäuerlichen Existenz. Glockengeläut als Eilmeldung, als analoge Pushnachricht, als Botschafter fremder Kunde. Kunde, wie sie 1914 Puy-Larroque erreicht und nur wenige wieder heimwärts führte.

Die Symbiose zwischen Mensch und Tier, diese Koexistenz zum gegenseitigen Nutzen als fester Bestandteil menschlicher Zivilisation. 12.000 Jahre nach der Sesshaftwerdung  unsereins und dem bäuerlichen Leben heute. Auf diesem Fundament gründet Jean-Baptiste Del Amo sein 435 Seiten umfassendes Tierreich, bei dem nie klar wird, wer nun Tier und wer Mensch ist. ‚Tierreich‘ erzählt die Geschichte eines landwirtschaftlichen Familienbetriebs in der Gascogne. In bitterer Armut und tiefer Verbundenheit zu den Tieren – zum Rohstoff Tier -, zur Natur und zu Gott, begleiten wir Éléonore beim Aufwachsen. Beim Erwachsenwerden, beim Lieben, Heiraten und Sterben. Dem Sterben vor, im und nach dem ersten großen Kriege. Dem Sterben in industriellen Mastbetrieben im zweiten Teil des Romans.

Jean-Baptiste Del Amo fragt:  Wie grausam ist der Mensch? Ist er vernunftbegabt? Und was heißt es, zu fühlen? Mitzufühlen? Wer ist Tier und wer ist Mensch? Mit Wortgewalt durchbricht Del Amo fließende Agonie, siechendes Leiden, Qual und harte Arbeit an der Grenze des Möglichen. In fundamentaler Rohheit spickt Del Amo seinen Roman mit Widersprüchen, mit einfachen, gottesfürchtigen Menschen, die mal Barbaren gleich, mal kultiviert musizierend ihr Leben bestreiten. Doch zwischen den Zeilen blitzt oft Zärtlichkeit auf: Tief verwurzelt in Kindheit und Natur. Verbundenheit, kindliche Zuneigung, Tierliebe zwischen lebensverachtender Brutalität.

Del Amos Roman ist Botschaft und Auftrag. Wie tosende Wellen überrollt ‚Tierreich‘ den Leser martialisch. Nur schwer erträglich wird vom bäuerlichen Leben früher und großindustriellen Abschlachten heute erzählt. Ohne Schwarz und ohne Weiß. Ohne Schablone, dafür mit viel Blut. In entsetzlicher Brutalität hat sein Roman die menschliche Fähigkeit des Tötens zum Inhalt. Geradezu voyeuristisch betrachtet der Leser Gottes Gemetzels. Den göttlichen Auftrag Dominium terrae im Lichte des Zeitgeists. „Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie“ (Mose 1, 28). Oder um mit Marx zu sprechen: Der Entfremdung des Menschen von sich selbst.

‚Tierreich‘ ist ein moderner Roman. Ein Sittengemälde. Ein Roman, der absolut kein Blatt vor den Mund nimmt. Der kolossal darlegt und überwältigt. Mit Stolz der eigenen Großtaten wegen. Und überwältigend durch Gewalt. Wer das erträgt, wird vom Sog monumentaler Sprache verzehrt. Wer das nicht erträgt, verzichtet dennoch besser auf sein Kantinenschnitzel.

  • Gelesen im Mai 2019
  • Leseempfehlung meiner Buchhändlerin aus der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit. Vielen Dank dafür!

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