‚Schöner als überall‘ von Kristin Höller

Der Sommer ist lange vorbei, liebe Schlagerfreunde und Freundinnen der Freiluftsaison. Es wurde umgezogen. Es wurde geheiratet. Es wurde geschieden. Während die ersten Graupelschauer über die Heide wehen. 17 Jahr, blondes Haar. Denn mit 17 hat man noch Träume. Martin ist mittlerweile 21, 22. Noah ebenfalls und damit ist ihre einzige Gemeinsamkeit benannt. Martin, Geographiestudent ohne Kenntnisse von Geographie. Noah, von Beruf Sohn mit trainierter Brust. Und es gibt Mugo, die eigentlich ganz anders heißt. Wie? Lesen Sie selbst.

Während Martin, Noah und andere Protagonisten mit Nebenrollen die Bühne betreten und wieder verlassen, ist Hochsommer in der norddeutschen Heide. Es ist ein Blick zurück. Ein Blick nach vorn. Ein Blick aus der 11. Etage auf eine Landschaft, die wir kennen. Sie kennen sie. Ich kenne sie. Wir alle kennen sie. Wir sind dort geborgen, aufgewachsen und ausgezogen. Aus den Käffern unserer Kindheit, wo der Edeka ein Supermarkt für Menschen ist, „die eh schon immer satt sind“ (S. 81). ‚Schöner als überall‘ ist ein Erstling, der nicht satt ist. Ganz im Gegenteil! Und mehr verspricht für die Zukunft.

217 Seiten Rückkehr aus der großen Stadt in die kleine. Eine Rückkehr in eine Zeit, als Kühlschränke automatisch voll waren. Bestenfalls. Als man sich Fragen stellte und einfache Antworten fand und wusste, dass die Zukunft eine Hypothek ist, ein Versprechen. 217 Seiten, die vom Herzschlag berichten. Von pulsierendem Lebenshunger und dem Wunsch nach einer Revolution, einer kleinen. Einer kleinen, ganz persönlichen, was hinreißend und gleichermaßen tröstlich ist. Kristin Höller schreibt nicht vom Zaudern und Zögern, sondern vom Innehalten und Loslegen. Kein nochmal zurück auf Los. Aber immerhin vom Wissen, wo Weihnachten die eigenen Geschenke stehen.

Mit viel Freude habe ich diesen Roman gelesen. Einerseits, weil er keine frühen Versprechen bricht und Luftschlösser baut. Andererseits, weil Kristin Höller prima Stoff für klassisch deutsche Vorweihnachtszeit zu Papier brachte. Ein Roman über Jugend, der an Jugend erinnert. Sogar die eigene. Ein Roman, der, ähnlich wie ‚Auerhaus‘, von den kleinen und großen Träumen erzählt. Ein (Jugend-)Roman wie ‚Die Mitte der Welt‚, den Sie mehrmals lesen sollten: Jetzt, in zehn Jahren, und sobald Ihre Kinder das erste Studium abbrechen.

Lange schon ist der Sommer vorbei. Bald wird es auch das alte Jahr sein. Oder wie mein lieber Freund Erich die beste Zusammenfassung per Weihnachtspost frei Haus liefert: „Jetzt wird es erstmal ruhiger, dann kommt ein neues Jahrzehnt. An dessen Ende haben wir Hunde, Kinder und ein schnelles, europäisches Bahnsystem – bestimmt!“. Dieser positive Blick auf die Zukunft, mit Witz und Wortwitz und postadoleszenter Naivität, macht ‚Schöner als überall‘ zu einer Empfehlung für Alt und Jung. Happy Silvester!

  • Gelesen im Dezember 2019
  • Mein Dank gilt den inspirierenden Weiten des Internets für diesen Zufallsfund und insbesondere dem Suhrkamp Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

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