Achtung, Theater! – ‚Stunde der Hochstapler – das Krull-Prinzip‘ im Berliner Ensemble

Eine Komödie der Menschheit – gewiss – heute und hier und im Berliner Ensemble. Alexander Eisenach hängt sein Stück, seine Komödie der Menschheit, an der Frage auf: Wann kam die Lüge in die Welt? Wann haben wir begonnen, zu lügen? Und ab geht die Lutzi durch eine Millionen Jahre Menschheitsgeschichte. Ein Episodenstück vom Feuer und seiner Bändigung, von Mammuts, vom Wunder der Wunder. Von der Suche nach Wahrheit und ihrem Gehalt im Heute und Hier hin zur universellen Illusion in Form der allmächtigen vierten Wand in Ihrer Hosen-, wahlweise Handtasche. BAM!

Eisenach stellt große Fragen großer Philosophen in den Raum, um am Ende ein düsteres Szenario der Zukunft zu entwerfen. Hochaktuell und hochpolitisch. Dabei wird allerhand Krimskrams auf der Bühne veranstaltet. Es wird gelacht und man soll lachen. Das Publikum als Interaktionsfläche, wozu das Neue Haus einen ordentlichen Beitrag leistet. Danke, liebe Monika Grütters.

Der Plot ist einfach, doch keineswegs trivial. Ein Regisseur und Autor steckt in tiefer Sinn- und Schaffenskrise. Er stellt die Fragen der Zeit, ohne Antworten im inneren Monolog zu finden. Die Krise der Wahrheit, der Rationalität – das Prinzip aus Ursache und Wirkung gilt nicht mehr. Peter Moltzen als überdrehter Regisseur findet gleichzeitig dann doch den Ausweg. Die Lösung der Fragen aller Fragen: Wieso habe ich keine Turnschuhe mit blinkenden Sohlen? Und wann kam die Lüge in die Welt? Dieses Drehbuch wird in darauffolgenden 90 Minuten mal links, mal rechts mit großer Freude gespielt. Dabei immer gut gekleidet und ausgezeichnet kostümiert. Danke, liebe Julia Wassner!

Episode 1: Der Steinzeitmensch trifft auf Cordelia Wege als bittersüße Verführerin und Versuchung. Ihr Widerpart, die Ratio (Wolfgang Michael), als leidender Denker und wiese, gequälte Kreatur. Hier, hier kommt die Lüge in die Welt. Das Spiel der Geschichte beginnt.

Episode 2: Tier sprechen über gebrochene Nasen und Rüssel. Es wird viel gelacht.

Episode 3: Der Ausweg – die (End-)Lösung. Der Weg nach vorn führt zurück ins Meer. Der Mensch löst sich auf. Löst sich von Körper und Geist, wobei sein Geist absorbiert weiterlebt und schwimmen lernt.

Episode 4: Turnschuhe mit blinkenden Sohlen betreten die Bühne. Die Bühne dreht. Rauch und Knallpistolen und am Ende sind alle tot. Bis auf den alten, weisen Mann, der irgendwie wusste, was passiert. Am Ende weint immer mindestens Einer.

Was grotesk daherkommt, aber klug verhandelt wird, ist nicht weniger als ein Schlagabtausch großer Philosophie: Foucault, Kant, Kierkegaard, Bourdieu, Reckwitz. Eine Decke der Zivilisation, die dünn, die hauchdünn ist. Richtig stark hingegen ist die ‚Stunde der Hochstapler – das Krull-Prinzip‘. Eine handwerklich und dramaturgisch gute Arbeit von überzeichneten Skizzen locker fröhlich gespielt. Eine wunderbare Arbeit, die das Publikum zu allerhand einlädt. Wer mag, kann lachen und Tränen lachen. Wer mag und kann, darf denken und nachdenken. Wer beides möchte, wird einen ausgezeichneten Theaterabend haben. Mit Krull hat das allerdings rein gar nichts zu tun.

  • Gesehen am 15. Dezember 2019
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik.

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