‚Die Mitte der Welt‘ von Andreas Steinhöfel

Einige Dinge brauchen Zeit. Die ersten Jahre des Lebens zum Beispiel. Oder eine lange Überfahrt in die Alte Welt. Ihre Villa im morbidem Glanz stand am westlichen Ufer vom Fluss der kleinen Stadt, in der die Kleinen Leute brave Leben hinter Vorgärten und Gardinen führten. Phil saß mit seiner Zwillingsschwester oft dabei, wenn Glass, ihre unglücklich glückliche Zwillingsmutter, Besuch empfing. Besuch von den Kleinen Leuten der kleinen Stadt irgendwo in der Alten Welt.

Phil liebte das Haus. Und Nicholas. Sein schönes Visible auf der anderen Seite vom Fluss. Und er liebte Bücher. Die Bücher der alten Bibliothek als Wall, denn sie „umgaben mich so vor den Kleinen Leuten, vor der Welt da draußen. Deshalb liebte ich die Bibliothek. Für mich war sie die Mitte der Welt“ (S. 133). Phil auf seinem Thron der Geschichten. Bücher, die auf seiner Reise die Welt bedeuten.

Manche Dinge brauchen Zeit. Schüler beim Verstehen zum Beispiel. Wenn ein Lehrer sich väterlich zu philosophischen Ratschlägen hinreißen lässt. Und plötzlich beginnt die Achterbahnfahrt doch mit Blitz und Donner. Tiefer Fall und Höhenflüge nach Visible. Geradezu meisterlich verwebt Andreas Steinhöfel schöne Geschichten aus friedvoller Kindheit mit den Beschreibungen des erwachsenen Ich-Erzählers retrospektiv. 452 Seiten mit Anhang von roten Gummibärchen im Nasenloch des alten Professors. Von der wilden Schlacht am Großen Auge, mit der noch die Enkel ihrer Kinder stille Post spielen. Von schönen Männern aus Argentinien, die sicher gute Väter wären. Von Popcorn zum Schlafengehen. Kindheitserinnerungen als Allegorie des Heilen. Der heilen Welt aus Kinderaugen Sicht. Peng! Bis zum großen, leisen, lauten Peng.

‚Die Mitte der Welt‘ ist ein Artefakt aus der Zeit, als man Telefonnummern kannte. Sein Leben in der kleinen Stadt als dickes Care-Pakete in der Landschaft. Was Steinhöfels Suche nach der Mitte der Welt so eindrücklich, so anschlussfähig macht, ist das Unbestimmte im Bestimmten. Phils Stadt ist die Stadt, in der jeder aufwuchs. Kein Ort, sondern eine Metapher. Schöne Geschichten mutig präsentiert. Steinhöfel erzählt sie.

‚Die Mitte der Welt‘ ist ein Jugendroman für Erwachsene. Für Sie, für mich und unsere Kinder. Manche Stellen sind konstruiert und betonen über. So what! Ob es das Motiv aus John Irvings ‚Bis ich dich finde‘ tatsächlich bedurfte? Wahrscheinlich, ja. Es nervt zwar mehrheitlich, glättet aber zum Ende hin ganz vorzüglich. Denn man übertreibt mit 17 immer. Ein Vorrecht der Jugend. Steinhöfel schreibt vom Okay sein. Von der Vergangenheit, der Zukunft, der ersten Liebe in vielen Facetten. Vom Packen, Zupacken und Loslassen. Vom Kommen und Gehen auf der Reise zur Mitte der Welt. Mein Fazit: Lesen Sie ‚Die Mitte der Welt‘ dreimal. Zuerst mit zarten 17. Das zweite Mal mit Mitte 30. Und das dritte Mal vor Ihrem vierten Frühling. Darauf freue ich mich besonders!

  • Gelesen im Mai 2019
  • Es war bei einem Kochabend, als mir Thomas ‚Die Mitte der Welt‘ empfahl. Merci beaucoup. Und ohne Stefan hätte ich diesen wunderbaren Roman sicher nie begonnen. Merci beaucoup mon chéri!

2 Antworten auf „‚Die Mitte der Welt‘ von Andreas Steinhöfel

    1. Hallo Eva,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Es freut mich, dass meine Rezension schöne Erinnerungen auslöste und dich ermutigt, nochmal zur Mitte der Welt zu reisen. Auf zwei Beinen steht man besser. Und alle guten Dinge sind drei. In diesem Sinne.

      Viele Grüße
      Michael

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