‚Brüder‘ von Jackie Thomae

Und schon wieder ein Berlin-Roman. Ungezielt und planlos auf der Shortlist 2019. BAM BAM! Wer bam bam nicht amerikanisch, sondern so spricht, wie Fred und die Familie Feuerstein, bekommt die ostdeutsche Version von upcoming Berlin im Nebeldunst der 90er. Diese Story läuft schwarz auf weiß gedruckt bei Jackie Thomae und ihren Brüdern in eisenrotem Einband, der leuchtet wie Sonntag 17:00 Uhr. Und dein Wochenende ist lange noch nicht vorbei – BAM BAM! Mick als Tourist in Kolumbien. Mick als Clubmaster. Mick als Daddy mit und meistens ohne Sugar.

„Mick wäre der perfekte Vater, nicht nur erbmassenmäßig! Mit einem Mann aus ihrer Berufswelt wäre nach ein paar halbherzigen Modernitätsversuchen klar, dass es Delias Karriere sein würde, die man nach der Ankunft des Kindes in die Vollnarkose versetzen würde. Mit Mick wäre das anders“ (S. 130).

Freeze! Delias, Galeristin in der Auguststraße, spricht Klartext in ihrer Hütte in Pankow. Wo Mamis ihre Kinderbuggies so gern über verschissene Gehwege juchteln und insgeheim alles nördlich der Danziger Straße todlangweilig finden. Freeze! Zurück auf Anfang. Zurück auf Null. Und schon wieder ein London-Roman. Konzentriert mit Masterplan und dafür mitten im größten Shitstorm seit #MeToo. Wer bam bam nicht ostdeutsch, sondern britisch ausspricht, bekommt ein Gefühl für Gabriel und seine krasse Welt als Star am Architektenhimmel.

„Was ich sagen will, ist: Der Schwarze, der du partout nicht sein willst, ist eine grobschlächtige Karikatur […] Wenn du diese Klischeegedanken standig antizipierst, erhältst du sie doch erst recht am Leben!“ (S. 321). BAM BAM! Nimm das, Baby. Mitten ins schöne BBC-Primetime-Interview.

Zwischen Leipzig und Shanghai. Zwischen Baumschulenweg und Schöneberg. Zwei Jungs, zwei Mütter und ein Vater aus dem Senegal. Was Mick und Gabriel darüber hinaus gemeinsam haben, ist mehr als ‚Brüder‘ auf den ersten und zweiten Blick vordergründig Preis gibt. Mit 430 Seiten als Zeitreisekapsel in eisenrotem Einband nach Afterhour. Thomae hat einen klasse Roman zu Papier gebracht, der völlig absurd und stellenweise weit drüber ist. Hüben wir drüben eine Welt der Gegensätze. Thomae konstruiert und will konstruieren, was merklich ins Auge sticht. Dass ‚Brüder‘ auf der Shortlist 2019 stand, ist ein Lob, was bei Lichte betrachtet ähnlich dem Nobelpreis der Europäischen Union anmutet. Sprachlich ganz groß mit der Gabe im Ton milieutypisch perfekt zu changieren, sind Thomaes ‚Brüder‘ gut recherchierte Zerrbilder. Zerrbilder zwei absolut getrennter Welten und Geschichten, deren verbindende Passagen zu wenig integrieren. Ein großes Manko, das unnötig ist. So what! Gute Unterhaltung als deutsch-deutsch-europäischer Roman, der alles verhandelt. Wirklich alles! Race, Class and Gender, wie Marie Schmidt in der Süddeutschen schreibt. Weiß, schwarz, schwarz-weiß: „Für euch, schwarze Schafe“ von Jackie selbst Widmung geschrieben.

Mit einem Drehbuch frei Haus ist ‚Brüder‘ ein Roman, der alles will, vieles kann und deutlich übers Ziel hinausschießt. Ein Roman, der wirklich Spaß beim Lesen macht. Als soziologische Feldstudie sind die Flintstones jedoch weit näher am Damals und Jetzt, als ‚Brüder‘ am Heute und Hier. Ob es darum gehen soll, entscheiden Sie bitte selbst. Mein Fazit: Gerne lesen und lachen und bitte selbst ein Urteil bilden. Ein Roman für Gourmets, die das Eine mögen und das Andere trotzdem bekommen. Immerhin ist die Shortlist kein Ort für Verlierer. Echte Gewinner sind dennoch echte Gewinner.

  • Gelesen im November 2019
  • Aufmerksam geworden durch die Berichterstattung zum Deutschen Buchpreis.

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