Achtung, Theater! – ‚Die Umsiedlerin‘ im Deutschen Theater

Es war der größte Theaterskandal der DDR. Kurz nach dem Mauerbau an der Hochschule für Ökonomie in Karlshorst uraufgeführt und 15 Jahre später vom Aufführungsverbot befreit. Warum das so war? Naja, konterrevolutionäre Propaganda eben. Was wird sein, fragen Nina & Mike im Prolog. Kommen die Traktoren? Und wenn ja, wann? Im Kommunismus! Musik wird hoch gehandelt im Niedergang, sagt ein Bauer. Ich schul um! Ich geh in die Kultur. Und dann: Wir kultivieren die Bauern. So oder so ähnlich lautet an anderer Stelle die Antwort vom Erfasser (Linda Pöppel) auf Ketzers (Bernd Stempel) Meinungsbeitrag: Fünf Hektar nähren mich nicht. Damit ist alles gesagt.

‚Die Umsiedlerin‘ verhandelt die Bodenreform und spätere Kollektivierung der Landwirtschaft in der kurzen Jugend der DDR dialektisch. Als alte Kampfesschwestern und Brüder Staat machten. Die Großen blieben groß und die Kleinen bekamen fünf Hektar, die nicht nährten. Bald kamen der Erfasser in Begleitung vom Bürgermeister Beutler (Felix Goeser) und von Treiber (Markwart Müller-Elmau), die Ketzers Schulden beglichen wissen wollten. Was blieb Ketzer also übrig? Er nahm den Strick und das Schlamassel nahm seinen Lauf.

Klemm den Schwanz ein. Du bist die herrschende Klasse, fährt Flint 1 (Almut Zilcher) ihren Mann und Parteisekretär Flint an (Jörg Pose). Flint, der nie ganz den Glauben verliert. Ganz ähnlich wie Siegfried (Marcel Köhler). Der stimmhafte FDJler im Dorf. Wie Robert Iswall in Hermann Kants ‚Die Aula‘. Ein Festredner der klugen Naivität. Ferner geraten die kurzweiligen 2:15 Stunden eher zum Klamauk mit glitzernder Sozialismusikonografie als zum Klassenkampf gegen Kulaken und Altnazis. Die räumlich wie zeitlich unpassende, eklektisch gewählte Musik wird in ein Bühnenbild gedudelt, das sich im Strudel der ewigen Geschichte als binäre Aufwärtsspirale mäßig schlingernd abwärts bewegt.

In Tom Kühnels und Jürgen Kuttners ‚Umsiedlerin‘ bleibt der große Skandal aus. Die herrlich donnernden Blankverse wirken in Jo Schramms Bühnenunglück deplatziert. Ein Bühnenbild, das der Bühne nicht Form verleiht, sondern Halt raubt. Gewollt? Sonnenstrahlen am Mittagshimmel der Partei – goldene Ähren als Auftrittsrampen. Häufig fehlt Bildern die Erklärung, die Stringenz. Kühnels und Kuttners Arbeit wirkt planlos. Entertainment in der Kolchose. Oft drängt sich der Eindruck auf, dass witzig Gemeintes noch irgendwo unterzubringen war. Einfach um es untergebracht zu haben, ohne zu wissen, wo und warum. Umfangreich schöpft ‚Die Umsiedlerin‘ aus diesem Fundus.

Eine Freude sind insbesondere Almut Zilcher als gönnerhaft paternalistischer Landrat sowie Marcel Köhler und Jörg Pose – Chapeau. ‚Die Umsiedlerin‘ in Gänze bleibt dagegen die schwangere Jungfrau in antikem Gewand, mit zu viel Chor im Hintergrund, der unverständlich ins Publikum plärrt. Ein Rendezvous zu Country-Musik unter roten Fahnen in Unterleuten. Mit mageren 12 PS sowjetischer Traktorenstärke. Schließlich prägt Kupla (Bernd Stempel) ein vortreffliches Bonmot als Fazit: Am Ende geht die Frau und die Bodenreform bleibt allein mit dem Mond. Vorwärts, Genossen!

  • Gesehen am 14. Mai 2019
  • Hier die Stimme der Nachtkritik.

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