‚Die Mittagsfrau‘ von Julia Franck

Als Helene noch Kind war, fragte sie sich, wieso sie nicht in den Bergen leben könne oder am Meer. Wieso das Schicksal sie hier in dieser Landschaft stellte, die weder Meer noch Berge hat – nur Hügel. Die Hügel der Oberlausitz und in der Mitte Budissin. Bautzen mit seinen Türmen, dem Petridom, der Alten Wasserkunst, dem spätbarocken Rathaus. Später soll ihr Kindheitswunsch Wirklichkeit werden. Jeden Morgen das Kreischen der Möwen hören und das Posaunen der Dampfschifffahrt. Das Geschrei der Fischhändler am Hafen vor dem Haff. Dazwischen, ja, dazwischen liegen die Goldenen Zwanziger. Dazwischen liegen Helenes goldene Zwanziger. Ihre glückliche Mitte in einer tanzenden Stadt.

Nach 100 Seiten fragte ich mich, was Claudia Voigt mit ihrem Klappentextzitat meint: „So sinnlich, körperlich und klug wie in diesem Roman ist in der deutschen Literatur selten erzählt worden“. Nach 200 Seiten begann der Rausch beim Lesen, der eben das wurde – geradezu körperlich. Nach 300 Seiten überwog das Sinnliche. Nach 400 Seiten war längst bewiesen, dass ‚Die Mittagsfrau‘ von Julia Franck genau das alles ist. Preisgekrönt und absolut verdient. Literatur, die tausendfach Durchlebtes selten so berührend erzählt. Warm und ohne Küchenpsychologie.

In der F.A.Z. schrieb Edo Reents, Francks ‚Mittagsfrau‘ sei ein feministischer Roman. Ob das so ist, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass Francks Roman Familie und Rollenbilder durchbricht, dekonstruiert und pragmatisch davon spricht, was nötig ist. Was zu welcher Zeit in jedweder Situation zu tun war oder sei. Vielleicht ist ‚Die Mittagsfrau‘ gar ein queerer Roman, weil er Gendergrenzen aufhebt. Ganz en passant, aber mit viel Berlin und glamourösem Theater in bester Gesellschaft. ‚Die Mittagsfrau‘ ist ihr Cocktail und Rausch. Ein Cocktail aus Erich Kästners ‚Fabian‘, Hugo Hartungs ‚Wir Wunderkinder’ und Klaus Manns ‚Mephisto‘. Nur unsicher bin ich mir, ob der bittersüße Trunk nach der Geschichte einer Moralistin schmeckt oder ihrem Gang vor die Hunde. Galante Abende in Elektropolis und abendliche Fahrten mit der Wannseebahn. „Die rötlichen Stämme der märkischen Kiefern gefielen Helene, nichts Heimatliches, nur Berlin“ (S. 223).

Und als am Ende nur das -in bleibt, weil das Berl– und das Stett– in Trümmern liegen, bleibt keineswegs das erkaltet Herz einer Mutter zurück, sondern resolutes Handeln einer starken, liebenden Frau. Mit Christoph Heins Nüchternheit und emphatischem Gespür zimmert Julia Franck ihrem Roman einen Rahmen, der zusammenbindet. Manchmal auch die Kehle verschnürt. Und vom Langmut einer Protagonistin spricht, der wieder befreit. Nur wer Angst hat, kann auch mutig sein. Vor den 430 Seiten im Paperback müssen Sie gewiss keine Angst haben.

  • Gelesen im Mai 2019
  • Eine wunderbare Empfehlung von meinem Freund Stefan. In doppelter Hinsicht ganz zufällig und deshalb umso schöner.

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