‚Enteignung‘ von Reinhard Kaiser-Mühlecker

Für Kosmopoliten kann Landleben Ausdruck von zweierlei Dingen sein: Erstens die absolute Entspannung – notwendiger, unabdingbarer Kontrast zur eigenen Lebenswirklichkeit. Oder zweitens Dantes Höllenkreise auf Erden. Freilich liegt dazwischen Vieles. Die Schattierung kann gelb, grün, rosarot sein. Oder braun. Der Ich-Erzähler jedenfalls lebt ein graues Grau ohne Auf und Ab. Obwohl er als Journalist die Welt bereiste und für bedeutende Zeitungen schrieb. Es trieb ihn schließlich zurück ins Ländle. Wo sich diese Landschaft genau befindet, wissen wir nicht. Irgendwo in den Bergen, bevor die richtigen Berge beginnen aufzuragen. Dort, wo es nur hügelig ist. Die Menschen jedoch so schlicht sind, so eigenbrötlerisch, wie überall sonst auf dem Land. Sehr zum Wohl.

Der Protagonist und Ich-Erzähler gewährt schamlos Einblick. Einblick in sein Privates. Die fesselnden Punkte – Eigenschaften, die Persönlichkeit spiegeln – bleiben vage. So vage, dass seine Erzählung und die Menschen, von denen er spricht, kontrastlos im Dunst der Schweinemast verschwimmen. Man kann nur erahnen, welche Botschaft erteilt, welche Diagnosen gemeint sind in seinem Programm der inneren und äußeren Enteignung. Innerlich okkupiert sein fehlendes Ich das Ich der Anderen. Äußerlich wird ein Modernisierungsprotokoll abgespielt, das sowohl dem Ich-Erzähler als auch dem Autor gegen den Strich zu gehen scheint.

‚Enteignung‘ ist ein Roman, der nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Pellkartoffel ist. Zwei Handlungsstränge sind erkennbar. Das hintergründige Sujet bleibt leider unklar. Reinhard Kaiser-Mühlecker will das Landleben und seine Veränderung beschreiben. Er verhandelt in persona eines Nihilisten das traditionelle Stadt-Peripherie-Gefälle, ohne zu sagen, wovon er schreibt. Mit langen, teilweise unverständlichen Sätzen, ermüdet der Autor seine Leserschaft ohne Not. Teilweise gewann ich den Eindruck, Kaiser-Mühlecker wolle sich selbst und dem Feuilleton beweisen, wie ausgezeichnet er deutsche Grammatik beherrscht. Ein Roman für Liebhaber.

Auf 222 Seiten tauchen wir ein in die Welt der Lokaljournalisten und bäuerlichen Populisten. Simon Strauß lässt sich auf dem Klappentext mit den Worten zitieren: „Eine solche ungeheure Kraft, die einen packt und noch Seiten später wieder zurückzieht. Ihn zu lesen ist ein großes Glück“. Bedauerlicherweise ist von dieser Kraft, dieser ungeheuren rein gar nichts zu spüren. Ich hingegen empfand großes Glück nicht beider Brüder im Geiste zu sein. Was in Strauß‘ ‚Sieben Nächte‘ verstohlen hinter mancher Ecke lunzt, tritt bei der ‚Enteignung‘ ebenso ans Tageslicht. Nur deutlicher. Mein Fazit also: Wer wissen will, warum das Bäuerliche ein großer Schatz ist, reist mit Dörte Hansen zur ‚Mittagsstunde‘ ins ‚Alte Land‘. Wer ruhige Erzählungen schätz, bisweilen inhaltsarme, bisweilen einschläfernde, soll gern den sonntäglichen Rundflug wagen. Die Draufsicht lohnt, sofern kein Nebel aufzieht.

  • Gelesen im März 2019
  • Aufmerksam geworden durch eine interessante Besprechung in der Süddeutschen. Leider blieb das Feinsinnige verborgen.

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