‚Tage ohne Ende‘ von Sebastian Barry

Es war recht viel Trubel im Wilden Westen, im wirklich wilden Westen, als irgendwo hinter St. Louis Thomas McNulty unter einem Baum John Cole kennenlernte. John Cole, den schönen John Cole. Thomas und John sind im beschissensten Regen seit Menschengedenken in Missouri gestrandet. Einen so gottverdammten Regen in dieser gottverdammten Gegend haben beide noch nie erlebt. John Cole gewiss nicht. Thomas vielleicht. Vielleicht auf seiner Überfahrt nach Canada, als in Sligo nichts als der Tod auf ihn gewartet hatte.

Thomas McNulty und der schöne John Cole entschließen sich, zusammen loszuziehen auf der Suche nach Glück und dem Versprechen der Neuen Welt. Für den besten Job der Neuen Welt bekommen sie Kost und Logis oben drauf. Als Tanzmädchen arbeiten sie, bis siebzehnjährig ihre Karriere unfreiwillig endet. Also was tun zwei Männer ohne zu Hause, ohne Familie? Sie verpflichten sich. Thomas McNulty und der schöne John Cole verpflichten sich und sind an den Frontiers westbound stationiert – weit, weit westlich. Sie leben Gerechtigkeit und Loyalität und lernen Verbindlichkeit und Pflicht, ohne sie mit Nibelungentreue zu verwechseln. Sie leben ein Leben für die Vereinigten Staaten, die in den Kinderschuhen stecken. Sie leben für ihr Glück – ein Leben für ihre Liebe!

Thomas McNulty und der schöne John Cole ziehen als Habenichtse und Einwanderer in einen Krieg für dieses junge Land. Für dieses Land in der Neuen Welt, dass sie nicht als Abschaum betrachtet. Dass sie aufnimmt. Wo sie ihr Glück machen wollen. Es ist zwar nicht ihre Sache – der Krieg gegen die Sioux draußen in der Prärie. Aber man rief die Army eben und Major Neale ist ein gerechter Mann. So wie die meisten, die sie treffen und töten werden. Denn die ‚Tage ohne Ende‘ sind die fiktive Autobiografie eines Mannes, der die Vereinigten Staaten prägt und ihr seinen Stempel aufdrückt. Ein junger schwuler Mann, der die im Entstehen befindliche USA tranchiert, Schicht für Schicht beschreibt und das Erlebte – seine Geschichte – in den großen Kontext einbettet. Mit all ihren Widersprüchen und ihren Wunden und ihrer Zerrissenheit. Darüber schreibt Sebastian Barry auf 261 Seiten und liefert im besten Sinne nicht weniger als den amerikanischen Roman schlechthin.

Barrys Ich-Erzähler seziert im inneren Monolog seines Protagonisten die klaffenden Wunden im kollektiven Gedächtnis und kulturellen Bewusstsein der USA: Bürgerkrieg, der Genozid an den Ureinwohnern, Rassismus. Schonungslos ehrlich und gleichermaßen empathisch begleitet der Leser den jugendlichen Corporal McNulty auf seiner Reise durch das Leben und die jugendliche USA. So gewalttätig die Vereinigten Staaten der damaligen Zeit – und heute – sind, so gewalttätig sind die ‚Tage ohne Ende‘. Und dennoch sind sie eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe. Erstens, weil Barry viele weiße Stellen ausgezeichnet konturiert. Zweitens großflächig bunt gezeichnet, nichts beschönigt, aber auch nichts schwarz gemalt wird. Und drittens, weil die ‚Tage ohne Ende‘ eine exzellente literarische Melange aus Brokeback Mountains und Interview mit einem Vampier sind. Nur besser!

‚Tage ohne Ende‘ ist ein Muss für all Jene, die wissen wollen, wie die USA wurde, was sie ist. Und dazu warum. Ein Roman für Optimisten und Optimisten in Ausbildung. Für Liebhaber progressiver Gesellschaftsliteratur, die oft Erzähltes ebenso langweilt, wie mich. Die ‚Tage ohne Ende‘ sind Reiseliteratur und Reiseführer. Für nicht enden wollende Roadtrips abseits der Interstates durch die Südstaaten – westbound! Sie sind sensationell lyrisch und historisches Lehrstück mit Auszeichnung. Chapeau!

  • Gelesen im Februar 2019
  • Gelesen auf Empfehlung von Daniel. Vielen, vielen Dank für deinen wunderbaren Tipp!

2 Antworten auf „‚Tage ohne Ende‘ von Sebastian Barry

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