‚Butcher’s Crossing‘ von John Williams

Als Will Andrews wissen wollte, ob es eine große Jagd werden würde, lag der erste Tag hinter ihm. Andrews, Pfarrerssohn und Harvard-Absolvent, will die Welt sehen. Das Land kennenlernen. Das Land seiner Kinder und ihrer Väter. Andrews beschloss nach Westen zu reisen. Beschwerlich mit der Eisenbahn soweit die Gleise führten. Später weiter mit Fuhrwerken in die uferlose Prärie. Und ab St. Louis immer weiter und weiter, bis er vom Wagen sprang in Butcher’s Crossing – dieser trostlosen Siedlung. Diesem Flecken Staub irgendwo an den Frontiers.

Noch nicht lang lag der Bürgerkrieg zurück und die Leute hier erinnern noch gut die große Jagd – auf Mann und Tier. Tiere sind ihnen lieber als Männer. Obwohl? Man weiß nie. Als Andrews die Leute in Butcher’s Crossing fragt, was er tun könne, tun, um das Land zu sehen, war schnell klar: Miller würde ihn mitnehmen. Wie zwei Seelen haben sie auf einander gewartet. Um sich zu finden – um zu lernen. Von einander zu lernen und ein Geschäft zu machen. Also ritten sie los in die Prärie westbound. Zu viert schließlich hoch zu Pferd, mit Wagen und Ochsen, wenig Wasser, aber einer Menge Whisky, Pulver, Kugeln und viel Platz für die Felle der großen Jagd.

John Williams erzählt die Geschichte der USA, als das Land zu werden begann, was es dermaleinst sein würde. Der Staat ist weit weg. Nur das Gesetz wackerer Männer, Trunkenbolde und Banditen galt durch Gewehre besiegelt. Als der Protagonist den Mittleren Westen bereist, wird auf großer Bühne zum Schlussakkord geblasen. Der letzte Akt in einem Spiel von 10.000 Jahren, in dem die Stars durch Menschenhand Gewalt unfreiwillig abtreten. „‘Herr im Himmel‘, entfuhr es Charley. ‚Sein Name sei gepriesen‘“ (S. 178). So begleiten wir den 23-jährigen Andrews im Praxissemester. Beim steten Bemühen zu lernen und zu verstehen. Und er begann schnell zu verstehen: „Nach einer Weile erkannte Andrews einen bestimmten Rhythmus in Millers Abschlachten […] Das Ganze kam Andrews wie ein Tanz vor, wie ein dröhnendes Menuett, hervorgebracht von der sie umgebenden Wildnis“ (S. 181).

Wovon der Autor auf 365 Seiten schreibt, sind die Tage ohne Ende von der zweifelhaften Urbarmachung der Staaten. Vom Raubzug weißer Männer. Als ich bei meiner Buchhändlerin über Sebastian Berrys Geschichte von Thomas McNulty und dem schönen John Cole Argumente formulierte, weshalb dieser Roman zu Recht mit Lobesblumen beworfen werde, empfahl sie mir „Butcher’s Crossing“. Und ich bin dankbar. Dankbar für diese stilistisch monumentale Empfehlung.

Denn Williams versteht in kühler Sprache mit teilweise langen, aber keineswegs konstruierten Sätzen, das Weite, die unvorstellbare Menschenleere der frühen USA als literarische Miniatur auszubreiten. Seine Worte erschaffen wiegende Graswüsten mal zart gelb, mal saftig grün, mal dunkelblau, fast schwarz unter millionenfach funkelndem Firmament. Williams Worte sind gewaltig. Die Handlung ist es auch. Dabei gelingt Williams das Deskriptive geradezu vorzüglich. Blumig feucht dampfend im Morgenlicht und zerreißende Kugelrauchschwaden am Nachmittag. Hautnah am Geschehen, ohne ins Vulgäre zu gleiten. Williams demonstriert die Schlichtheit der Menschen durch Sprache und Praktisches. In den Köpfen der Männer, über der Prärie und den Bergen im Westen. Und über allem stets die Frage: „‘War das eine große Jagd‘ […] ‚Eine größere habe ich nie gehabt‘, sagte Miller. ‚Kommen Sie, zählen wir die Tiere'“ (S. 185). Ich sage: Verlieren Sie keine Zeit. Die weite Prärie wartet!

  • Gelesen im Mai 2019
  • Leseempfehlung meiner Buchhändlerin aus der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit. Ganz herzlichen Dank dafür!

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