‚So enden wir‘ von Daniel Galera

Was ist Leben? Wasser zum Beispiel. Ist Wasser Leben oder doch nur eine notwendige Bedingung? Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Als Biologin weiß Aurora, was Leben bedeutet. Was das Leben braucht, um zu existieren. Licht, Wasser, Zucker, vielleicht eine abgeschlossene Promotion? Kurz davor steht Aurora nämlich, als sie vom Infarkt ihres Vaters und dem Tod eines langjährigen Freundes erfährt. Eines Freundes aus der Zeit, als ihr die Welt offenstand. Als ihr die Zukunft zu Füßen lag und sie glaubte, es würde ewig so weiter gehen. Das Jahr 1999 war ihr Jahr. Das Jahr einer Clique, der jungen Avantgarde Porto Alegres. Nicht ganz freiwillig treffen sie sich wieder. 15 Jahre später. Während alle ihren Weg gegangen sind und Andrei tot ist.

Andreis Tod ist Ausgangspunkt, Katalysator und Ikone in Daniel Galeras Roman ‚So enden wir‘. Andrei war geistiger Kopf der Netzaktivisten Orangotango. Einer Gruppe in der brasilianischen Provinz. Andrei, Freigeist, Nerd und Opfer eines banalen Raubüberfalls, bildete mit den drei weiteren Protagonisten des Romans den festen Kern Orangotangos. Einer Gruppe, die die Welt mit Hilfe des Internets auf den Kopf stellen wollte. Revolutionieren, besser machen, aufrütteln und – what the fuck – das neue Jahrtausend einläuten. Vielleicht waren sie Internetpioniere der ersten, sicher aber der zweiten Stunde. Und nun treffen sich eine depressive Biologin, ein desillusionierter Literat und ein weltfremd versnobter Werber am Grab ihres personifizierten Mythos.

Sehr rasch wird deutlich, welchen Thesen der Autor eine Bühne bereitet: 1) Die Versprechen der Jugend sind Lügen. 2) Das Versprechen der Wissenschaft ist ein Luftschloss. 3) Streng dich an – du wirst trotzdem nicht der Beste sein. Dem stelle ich eine optimistische Antithese entgegen, die sagt: Pustekuchen! Am Ende wird immer alles gut und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende. ‚So enden wir‘ sind 232 Seiten, die zu viel schlechten Tonic und zu viel schlechten Gin enthalten. Paradox? Genau das meine ich. Für meinen Geschmack fehlt Süße, Leichtigkeit, Sonne und Strand und Suferdudes mit salzigem Haar. Stattdessen gibt es trocken Brot und lauwarme Selters in Plastikflaschen.

Ist der Jugend also der Drive abhanden gekommen? Keineswegs! Denn das, worauf Galera hinaus will, ist richtig und völlig berechtigt. Ich sage Vorsicht an der Bahnsteigkante, liebe Schlagerfreunde aus Harvestehude, aus Gohlis, aus Zehlendorf und auf der Schwäbischen Alb. Eure Haltung, euer Konsum, eure Saturiertheit kostet unsere Zukunft. Keine Inlandsflüge und viel weniger innerhalb Europas, weniger Institution Katholische Kirche, weniger praktische Großstadt-SUVs in Innenstädten. Von alledem schreibt Galera nicht. Aber das ist sein Subtext. Und er ist ehrlich! Stilistisch ansprechend, jedoch mäßig lektoriert, tauchen wir tief ein ins Leben der Generation Y.

Vor diesem Hintergrund erfüllt ‚So enden wir‘ für mich eine anspruchsvolle Eigenschaft: intellektuelle und emotionale Reibung. ‚So enden wir‘ ist mehr als ein Roman über die falschen Versprechen der Jugend. Es ist ein Roman, der für die Bühne geschrieben ist. Und für Aurora, die nicht weiß, was sie – was wir – zum Leben brauchen.

  • Gelesen im Februar 2019
  • Interessanter Zufallsfund in der Buchbox, Lette-, Ecke Schliemannstraße in P-Berg.

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