‚Sonne und Beton‘ von Felix Lobrecht

Der U-Bahnhof Johannisthaler Chaussee ist ein ganz krasser Hub! Dort, mitten in Süd-Neukölln. Kennste, Digga? Wo die U7 den M11er kreuzt. Und den 172er dazu. Ich sag Dir, Bruder: Ultrakrass. Fast unbemerkt hängt am südlichen Eingang eine Tafel, die den damaligen Innensenator, Joachim Lipschitz, zur Eröffnung zitiert: „Hier entsteht eine neue Stadt für 50.000 Menschen.“ Jalla Digga, megakrass!

In dieser beschaulichen Stadt – der Gropiusstadt – lebt Lukas. Lukas ist jugendlicher Bio-Deutscher und nicht nur altermäßig Minderheit. Zwischen Blaschkow und Zwicke erlebt er Dinge, die im Erfahrungshorizont Gleichaltriger im guten Neukölln nicht vorkommen. Gewalt ist stets gegenwärtig und der Stärkere gewinnt. Logisch, weil er der Stärkere ist. Allerdings werden zwischen Kleinkriminalität und alkoholkranken Eltern Werte gelebt, wie sie möglicherweise im Erfahrungshorizont Gleichaltriger im guten Neukölln ebenso wenig vorkommen: Verbindlichkeit, Freundschaft, Vertrauen auf das Wort des Anderen. Weil man weiß, dass man sich darauf verlassen kann und muss. Und es schwingt immer der Wunsch mit, sich anzustrengen und es besser zu haben, besser zu machen, als die eigenen Eltern. Es nicht zu verkacken. Oder immerhin nicht verkacken zu wollen.

Felix Lobrecht kennt die Gropiusstadt und weiß wovon er schreibt. Er selbst ist in dem Teil Berlins aufgewachsen, wo die SPD einst Ergebnisse über 60 Prozent einfuhr. Er weiß, welches Stigma der Name einer Schule auf dem Zeugnis bedeuten kann – obwohl bio-deutsch mit bio-deutschen Eltern. Vor diesem Hintergrund ist ‚Sonne und Beton‘ Sozialstudie und Coming-of-Age-Roman gleichermaßen. Auf 223 Seiten erzählt Lobrecht autobiografisch von seinem Neukölln. Dem Neukölln mit Deutschlands höchstem Wohnhochhaus und zweitgrößtem JobCenter weltweit.

Sprachlich hat sich der Autor, nun ja, angepasst. Und es ist okay. Oder sagen wir: Er ist authentisch. Das ist gut, Bruder, sehr gut sogar! Auch wenn der kurzzeitige Siegeszug von Soziologie und Le Corbusier nicht nur Erfolge zeitigt, wie erhofft, so ist ‚Sonne und Beton‘ immerhin ein Roman, der bewegt. Er ist nicht nur lesenswert, sondern zu empfehlen. Er handelt von Jungs, in deren Ausweisen Berlin als Geburtsort steht und sie doch als Ausländer betrachtet werden. Krasser Shit. Viel Beton und wenig Sonne – ein Roman von milieubestimmter Fremdzuschreibung, Resignation und sehr viel Lebenswillen. Also liebe Schlagerfreunde aus Nord-Neukölln, wir sehen uns beim nächsten Tower-Run. Jalla!

PS: Das weltweit größte JobCenter befindet sich übrigens in Berlin-Mitte.

  • Gelesen im Mai 2017
  • Empfohlen durch eine Buchvorstellung auf flux.fm – oder radioeins? Nicht nur für Erwachsene!

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