‚Serotonin‘ von Michel Houellebecq

Westeuropäische Senioren im andalusischen Nudistencamp sind eine interessante Spezies. Ebenfalls Ärzte, die im Sprechzimmer vor ihren Patienten Zigaretten rauchen. Und Bauern, die mit Bazookas gegen den Fall der Milchquote protestieren. Wir begegnen also einem Michel Houellebecq, der philosophisch ansprechend wenig schmeichelt, ohne die eigene Komfortzone im Wesentlichen zu verlassen. Seine Diagnose ist die kollektiv depressive Gesellschaft.

Der Ich-Erzähler Florent-Claude ist ein Mann Mitte vierzig – in den besten Jahren sozusagen. Doch er steckt sinnbildlich fest. Er steckt in einer Sackgasse, die er, so stellt er fest, nur unkonventionell überwinden kann. Der studierte Agraringenieur mit ansehnlichem Erbe entschließt sich also, seine 20 Jahre jüngere japanische Freundin rasch zu verlassen. Er hat Videos auf Yuzus Laptop entdeckt. Eine Ménage-à-vingt – verschiedene Hunde gaben keine unwesentliche Rolle. Für Florent-Claude scheint ihre Liebe auf ewig besudelt. Er beschließt, zu verschwinden. Aus seinem bisherigen Leben zu verschwinden – gänzlich! Er kündigt seine gut dotierte, aber ermüdende, sinnentleerte Stelle im Landwirtschaftsministerium. Touché! Ebenfalls kündigt er die gemeinsame Wohnung. Am Abend, als er sich mit Yuzu ins Benehmen setzen wollte, schläft er volltrunken vorzeitig ein. Am nächsten Morgen verlässt er unbekümmert sein Appartement. Wie es Yuzu ergeht, bleibt offen. In den folgenden Monaten wird das Mercure-Hotel am Place d’Italie seine bevorzugte Anschrift sein.

‚Serotonin‘ ist ein zeitgenössischer Roman, der die romantische Paarbeziehung zum Ausgangpunkt der Tragödie hat. Florent-Claude streift dabei als schwermütiger Protagonist eine Reihe von aktuellen politischen Themenfeldern im Subtext. Und das mit euphorischer Larmoyanz, die begeistert. Er proklamiert das Ende der westeuropäischen Landwirtschaft, ohne eine Sau durch Brüssel zu treiben. Er prangert den Individualismus an, obwohl (alte,) dicke, weiße Männer gemeint sind. Die notwendige Konsequenz: Der Rückschritt in die orale Phase der Gesellschaft. Denn „die bei Captorix am häufigsten beobachteten unerwünschten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Libidoverlust und Impotenz. Unter Übelkeit habe ich nie gelitten“ (S. 9). Houellebecqs schließende Klammer dient gleichzeitig als Florent-Claudes Kapitulation vor der eigenen Courage: „Ich bestellte etwas zu essen, ein Kartoffelomelette und drei Leffe halfen mir, mich allmählich wieder zu fangen“ (S. 318). Rührende, ehrliche Offenheit!

Houellebecq knüpft dabei konsequent an seinen zweitbesten Roman ‚Plattform’ an. Mit weniger incorrectness als erwartet, überzeugt ‚Serotonin‘ umso mehr mit gesellschaftlich abgründigen Nebenschauplätzen. Nach Houellebecqs theologischem Ausflug in die Gärten opportunistischer Eliten, erhält der intellektuelle Literaturfreund auf 335 Seiten nun wieder das, was er bestellt hat: Überaus spitzen, humoresk überzeichneten Kulturpessimismus par excellence.

Andererseits sollte Houellebecq nicht gleich als Prophet gepriesen werden. Sein Bauernaufstand in der Normandie ist keineswegs die Vorwegnahme der Gelb-Westen-Bewegung, sondern ökologische Bestandsaufnahme. Grundsätzlich stellt sich allerdings die Frage, wie ‚Serotonin‘ sowohl von Le Figaro als auch Le Monde und Libération bejubelt wurde, obwohl Houellebecq in Frankreich als Rechtsaußen gilt? Interessanterweise ist seine deutsche Anhängerschaft insbesondere im linksliberalen Milieu beheimatet. Finde den Fehler.

  • Gelesen im Januar 2019
  • Großen Dank gilt der Buchhandlung Herschel, Anklamer Straße 38 in Mitte-Mitte, die mir das Buch trotz großer Nachfrage zurücklegte.
  • Und hier der Link zu einer ausgesprochen lesenwerten Kritik aus der ZEIT 04/19

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