‚NSA‘ von Andreas Eschbach

Als Goethe erwog, in den Osten zu ziehen, spielten die Immobilienpreise für Gartenhäuser in Weimar sicher keine unwesentliche Rolle. Bei Eugen Lettke ist es eindeutiger. Ihn verschlägt es der Arbeit wegen ins Klößeparadies. Direkt nach dem Abitur beginnt Eugen als Analyst beim Nationalen Sicherheits-Amt, dem alten Inlandsgeheimdienst des Kaisers, der nun bis in die Zeit der Bewegung überdauert hat. Einer Zeit also, in der vieles in Bewegung gerät und nicht nur technische Innovationen geradezu alltäglich sind. 1934 ist die deutsche Computertechnik in der Tat weit fortgeschritten. Und das obwohl die Alliierten alle Patente nach dem verlorenen großen Krieg für ungültig erklärten. Die Schmach von Versailles – bla bli blu. Die weitere Geschichte ist bekannt.

Gleichzeitig mit Eugen beginnt Helene Bodenkamp im Westflügel des NSA eine Stelle als Programmstrickerin anzutreten. Debatten zur Gleichberechtigung der Frau sind in den 30er Jahren wenig en vogue, weshalb Programmstricken als reine Frauensache gilt. Helene ist außerordentlich begabt, was sie als Mitarbeiterin für verschiedene hochangebundene Spionage- und Sabotageprojekte prädestiniert. Sie dringt in Computer amerikanischer Unternehmen ein und manipuliert Produktionsprozesse, Flugzeuge, Maschinen. Sie stibitzt Baupläne, programmiert Puppen zur propagandistischen Meinungsmache in amerikanischen Foren, schreibt Programme, die es der SS ermöglichen, Verstecke von untergetauchten Juden anhand von Lebensmittelkäufen zu identifizieren. #fakenews Und dabei ist Helene keineswegs überzeugte Nationalsozialisten. Sie ist leidenschaftliche Programmstrickerin durch und durch, die es liebt, Lösung zu entwickeln. Darüber hinaus treibt sie die Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe. Und schwuppdiwupp findet sich Helene in einer Situation wieder, wie sie einen Deserteur vor ihren NSA-Kollegen versteckt. Nicht nur das – auch vor ihren eigens dafür gestrickten Algorithmen. Dieser Konflikt treibt Helene in schiere Verzweiflung, welche die Protagonistin zu ermüdenden inneren Monologen veranlasst. Und mich zu einer gemischten Leserkritik.

Andreas Eschbach entwirft ein Szenario, das erschreckend und gleichermaßen zeitgemäß ist. Wie wäre die Geschichte verlaufen, hätten Computer 100 Jahre früher das Licht der Welt erblickt? Eschbach bedient sich der realen Historie als Grundlage und variiert nach Belieben leicht. Was völlig in Ordnung ist, doch für mich an vielen Stellen nicht kohärent. Es sind die verschiedenen Episoden, die kleinen Begebenheiten im Alltag, auf der Arbeit, in Helenes inneren Monologen, die zum Teil verwirren, bisweilen arg konstruiert wirken. Die erste Frage, die ich mir stelle, ist: Wieso die Nazis? Wieso nicht das DDR-Regime? Und warum wird am Ende des Buches auf die Stasi indirekt verwiesen, ohne Zusammenhänge zu erklären? Weil sich die Normannenstraße zwangsläufig als Ort für eine Geheimdienstzentrale prima eignet? Ich weiß nicht. Auch bleibt unklar, zu welchem Zeitpunkt Helenes Eltern überzeugte Nazis werden und weshalb. Ist es ihr Opportunismus, ihre Korrumpierbarkeit, die Karriere des Vaters? Des Weiteren sind bereits 700 Seiten gelesen, bis annährend verständlich wird, weshalb sich Eugen obsessiv erpresserisch an Bekanntschaften aus seiner Schulzeit vergeht. Ist diese narrative Krücke tatsächlich nötig? Wäre Eugen nicht längst durch eitle Kollegen entlarvt worden? Alles Fragen, die unbeantwortet bleiben. Aber nicht hätten bleiben müssen!

Anders formuliert bedeutet das, dass so Einiges langatmig aufgegriffen, doch leider unterkomplex verhandelt wird. Bisweilen verfangen sich Helenes Gedanken in seitenlangen Liebesbekundungen und geschlechtlichen Fantasien, was ungeheuer langweilt und mehrfach redundant ist. Andererseits hat man den Eindruck, auch im kursorischen Lesen nichts zu verpassen. Denn schlicht bedarf es kein 796 Seiten umfassendes Kompendium, um eine Geschichte mit zwei simplen Erzählsträngen zu ihrem tragischen Ende zu führen. Immerhin ist Eschbachs Ansatz ein lohnendes Gedankenexperiment. Sein inspirierendes Versprechen löst ‚NSA‘ allerdings nicht ein. Nichtsdestoweniger enden die Leben der beiden Protagonisten vorhersehbar tragisch. Denn – bitte sehr! – das ist die bittere Wahrheit jeder Totalität: Freiheit löst sich auf. Der mündige Bürger hört auf zu existieren. Der freie Wille eine verblassende Utopie im Netz totaler, wohl gemerkt freiwilliger Unterwerfung durch Überwachung!

  • Gelesen im Januar 2019
  • Vielen Dank, liebe Susann, für dein interessantes Weihnachtsgeschenk!

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