‚Herrlichkeit‘ von Margaret Mazzantini

Die Sonne steht hoch über dem Innenhof des Palazzo. Es ist heiß in den Straßen und selbst am Fluss weht nur ein laues, heißes Lüftchen. Die ewige Stadt sucht Schatten, den Guido bereits gefunden und in sich trägt. Er, der unablässig bemüht, das Licht seiner Mutter einzufangen. Seiner schönen Mutter, die er vergöttert und seinen Vater dabei übersieht. Guido steht im Schatten deren, zu denen er gehört. Er müsste glücklich sein, doch vergräbt sich in Gedanken und Spielen, denen er rasch überdrüssig wird. Eines der Spiele, ein Mosaik, fällt hinab aus dem Fenster. Von weit oben aus dem Palazzo am Tiber hat Guido es geworfen und wünscht, das Mosaik selbst gewesen zu sein. Der müde Junge blickt in den Hof und sieht den Sohn des Portiers, Costantino. Wie er das zerbrochene Mosaik zusammensetzt, kurze Zeit später an der Tür schellt und zum ersten Mal bewusst in das Leben des Jungen tritt, der oben wohnt und die Tiefe sucht.

Bei Costantino ist es anders. Er liebt die Weite, die Weite des Meeres, das Wasser. Er ist Schwimmer; ein sehr guter Schwimmer, wie Guido feststellt, als er seinen Mitschüler beim Wasserballtunier anfeuert. Sie freunden sich an und mehr noch: Sie lieben sich. Eine Liebe, die das Leben überdauert. Eine Liebe, die in Heimlichkeit lodert, im Verborgenen über Meere hinweg. Es ist die Liebe zweier Männer, die mit einander vermeintich nicht dürfen und ohne einander nicht können. Es ist eine Liebe, die Margaret Mazzantini auf 395 Seiten zu Papier brachte und mit jeder Seite das eigene Herz berührt.

Mazzantini erzählt die Geschichte zweier Männer, die sich lieben und ihre Liebe an vermeintlichen Konventionen der Altvorderen scheitern lassen. Und am fehlenden Mut ihrer selbst! Der Eine anerkannter Professor in England – der Andere erfolgreicher Geschäftsmann mit den besten Beziehungen in seiner Branche. Guido und Costantino bräuchten sich nicht verstecken, mit ihrer Stellung in den 90er Jahren. Doch der Hemmschuh steckt fest an ihren Füßen.

Nichtsdestoweniger handelt ‚Herrlichkeit‘ von innerer Erfüllung und tiefer Liebe, die gegenseitig ausgelebt wird. Mazzantini schrieb einen hochkarätigen Gesellschaftsroman, der anspruchsvoll, aber nicht überkomplex, den Blick ganz unverstellt auf das Wesentliche im Leben richtet. Sowohl der angenehme Duktus als auch die entschleunigte Syntax erinnern an die Sprache Thomas Manns. Inhaltlich ist insbesondere an Guidos Lebensabend eine Ähnlichkeit mit Gustav von Aschenbach nicht von der Hand zu weisen, was nicht das Schlechteste ist. Denn auch ‚Herrlichkeit‘ ist ein Roman mit südlichem Flair und friedvollem Ausgang.

  • Gelesen im Oktober 2018
  • Empfehlung von Jürgen; herzlichen Dank dafür!

 

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