Die wunderbaren Sommernächte, lau und lang und voller Verheißungen, sind ein Versprechen, das Menschen fängt und nicht mehr loslässt. Viele haben sich fangen lassen und sind geblieben, auch als es grau wurde und kalt und dunkel. Als Dur ins Moll kippte und Berlin zu stinken begann nach nasskaltem Hund und vier Millionen Seelen ihre trotzigen, unerfüllten Geschichten ungefiltert in die Spree schütten. Mit diesem Feeling steift Lucia durch die Stadt, als ihr Streifenwagen zu einem Einsatz nahe der Kantstraße gerufen wird.
Hintergrund ist der mysteriöse Tod eines alleinstehenden und arbeitslosen Beleuchters aus Brandenburg an der Havel. Wie aus heiterem Himmel platze sein Kopf, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Obwohl der Fall schnell zu den Akten gelegt wird, lässt Lucia nicht locker. Mit getriggertem Spieltrieb will sie herausfinden, was geschah. Sie begibt sich auf die Suche nach einem älteren Mann. Er und der Tote spielten Backgammon, als der arbeitslose Rentner plötzlich starb. Seither ist er unauffindbar. Obwohl in der Kantstraßenkneipe sein Gesicht alle kennen, sind sein Name, seine Anschrift und sein Leben ein Rätsel. Zufällig, aber rasch, macht Lucia den Gesuchten ausfindet und zwischen ihm – Enki – und der rastlosen Kriminalkommissarin entspinnt sich eine kraftvolle, magische, ja geradezu diabolische Symbiose nahe am Siedepunkt der Stadt.
Wie ein eingefahrener, gut laufender 4er-Golf produziert Helmut Krausser Roman für Roman. Vielleicht ist er sogar der heimliche Hauptstadtchronist zwischen der Neuköllner Wildnis und Trennungen, Verbrennungen im Westen der Stadt. In den fünf Kapiteln Angst, Gier, Güte, Resignation und Ekstase stellt Krausser mit seinem aktuellen Roman die Kardinalsfrage dieser Stadt: ‚Wer hat uns je geliebt‘? Wo bleibt das ernstgemeinte Interesse, die aufrichtige Zuneigung, eine Emotion nicht aus Berechnung, sondern Mitmenschlichkeit?
„Die Stadt war schlechter Laune. Fett geworden, kurzatmig, kostspielig, schnipste und schubste sie die Menschen von dahin nach dorthin, ruppig, ohne Fürsorge noch Feingefühl. Dachte mit Wehmut zurück an die Zeit, als sie schlank gewesen war, für Kupfergeld zu haben.“ (S. 227)
Kraussers Romane sind drehbuchreife Plots, die man ausnahmslos immer lesen kann, ohne größere Willenskraft aufbringen zu müssen. Oft liegt es an hyperstreotypen Charakteren, die in alltagsgrotesken Episoden allerlei Unterhaltsames erleben. Wichtig dabei: Das Glas ist in der Regel halbvoll. Bei ‚Wer hat uns je geliebt?‘ ist das Glas allerdings weit weniger voll als halbleer. Aus diesem Meckern blubbert der Sound des scheußlichen Berlins. Das hässliche Schnauben der Stadtmaschine prägen das Hintergrundrauschen, verstärkt durch viel Flimmern auf zu heißem Asphalt.
Inhaltlich bewegt sich der Roman am Scheitelpunkt zwischen Kitsch und ernstzunehmender Metaphysik. Lenkt ein höheres Wesen schaurig das Geschick der Stadt? Vielleicht lässt es Kai Wegner noch immer glauben, er sein ein guter Krisenmanager? Vielleicht ist auch dieser Roman in seiner Übersichtlichkeit zu fett und bräsig geworden. Mein Fazit: Die schnellen Twists und zugespitzten Charaktere können nicht darüber hinwegtäuschen, dass schludrige Flapsigkeit nicht immer mit Coolness gleichzusetzen ist.
- Gelesen im Juli 2026
- Glaubt man Gerrit Bartels im Tagesspiegel, ist dieser Roman die Rückkehr des Berlin-Romans. Ich weiß ja nicht.