‚Zur Wildnis‘ von Helmut Krausser

An dieser Stelle möchte ich einem Denkmal ein Denkmal setzen. Was großartig ist, muss gewürdigt werden. Helmut Krausser würdigt ausführlich. Mit 45 Kurzen aus Berlin rühmt er seine Eckkneipe und wirft nonchalant die Frage auf, ob eine Eckkneipe auch zwischen den Ecken eine Eckkneipe sei. Die Antwort bleibt Krausser schuldig. Was durchaus verständlich scheint bei aller Vielfalt im Publikum und großer Dramatik in kurzen Geschichten. ‚Zur Wildnis‘ sind 45 Kurze aus dem Biotop der Gemütlichkeit. Manchmal auch rauen Worte. Wat willste? Wenns dir nich passt, dann sei jefällichst keene Latichte! Dabei versteckt sich hinter gespielter Entrüstung, all dem Gezeter und Gemecker, all dem Spott über die da oben – da oben im sagenumwobenen Wittenau oder Prenzlauer Berg – eine große Liebe zu Berlin. Zur Perle an der Spree, deren Glanz sich hinter Sachsengras und Eiche rustikal versteckt. Hinter Gardinen, die ihre besten Jahre in den 70ern hatten.

Helmut Krausser setzt seiner Wildnis 45 kleine Denkmäler. Krausser, der heimatverundene Berlin-Romancier. Wie klassisch Zugereiste ein Refugium kreieren und erhalten. Darin besteht die große Kunst. Es bedarf enormer Beharrlichkeit, sich jeder Mode, jedem neuen Chic konsequent zu widersetzen. Um nicht retro oder vintage zu sein, sondern Original. ‚Zur Wildnis‘ sind 155 Seiten Berliner Originale. Die oft beschworene Berliner Mischung behaglich konserviert – in und vor ihren Gläsern. Wie bei Klaus und Regina, denen ich mein kleines Denkmal widme. Ihrer wunderbaren Institution „Zum Stammtisch“ und ganz besonders ihnen persönlich.

Seit 50 Jahren zapft Klaus bestes Engelhardt für schmale Taler. Bietet Ohr und Zeit und wenn nötig für 2,20 ein Gezapfter hinterher. Regina derweil serviert Bouletten handgemacht, klassisch angerichtet mit Bratkartoffeln oder Kartoffelsalat. Der Stammtisch ist wie die Wildnis, nur (noch) netter. Ohne viel Geassel zwischen müden Arbeitnehmern und wachen Gesichtern und in hinterster Ecke das letzte Häufchen lokaler SPD in bester Nachbarschaft. Ein Ort der Kommunikation und ehrlicher Worte. Wo man sich kennt, respektiert und bestenfalls schätzt. Man grüßt beim Kommen und grüßt beim Gehen. Kennt mindestens die Namen der Stammbelegschaft vor und hinter dem Tresen. Bekommt die neusten Updates zu Themen, die wirklich sind. Und manchmal auch wichtig.

Soziale Kontrolle der Kiez-Familie im Großstadtdorf. Wo gelebter Humanismus noch nie am Klingelschild stand. Vielleicht ungewohnt für ZEIT-Leser-Ohren, denn der Kanon klingt anders. So vielschichtig. Lebthaft. Darüber schreibt Krausser. Davon handeln 45 Kurze. 45 Kurze perfekt für 30 Minuten U-Bahnfahrt. Perfekt für Mittagsruhe bei Sommerhitze. ‚Zur Wildnis‘ ist keine bürgerliche Literatur. Dafür herausragend (selbst-)ironisch im literarischen Gewand für breites Publikum, irgendwie politisch und bei Leibe kontrovers. 45 Kurze sind 45 Kurzgeschichten, die Sie lesen sollten. Ähnlich gut wie die Fahrt mit der U8 oder im M41er. Einmal hin und nie mehr zurück.

  • Gelesen im Juni 2019
  • Irgendwann im Frühjahr irgendwo aufgeschnappt. Vielleicht in der Süddeutschen, vielleicht bei Radio Eins. Ach, stopp: Die Konkurrenz wars. Jedenfalls wiederentdeckt in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

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