Kurz vor dem 24. hat es zu schneien begonnen. In der Schneewittchensiedlung, dem Neubaugebiet, den alten Herrenhäusern neben dem Gemeindehaus der Stadt, und natürlich bei Dirk und Marion und Großmutter Erika leuchten Schwibbögen in den Fenstern. Es wird das zweite Weihnachten sein, geprägt durch die Corona-Beschränkungen. Tom, der Sturkopf, hat sich nach wie vor nicht impfen lassen, und ohne Impfung kein Kartoffelsalat mit Würstchen bei Mutter Marion am Heiligabend. Seine Schwester Maria hingegen, vor ein paar Jahren kehrte sie nach ihrem Studium aus Kassel zurück in die Lausitz, ist heute Star der Lokalnachrichten. Sogar der MDR greift ihre Geschichte auf über die gestürzte Bismarckstatur auf dem Landesthron. Umgestürzt ist sie, einfach so.
Maria schreibt als Journalistin für das Sanditzer Lokalblatt und berichtet im Radio über Neuigkeiten und Altbekanntes. Ihr Zwillingsbruder Tom ist seit seiner Entlassung bei der Polizei – er engagierte sich als Organisator bei Corona-Protesten – arbeitsloser Junggeselle und WG-Bewohner. Wie so viele der Hiergebliebenen sucht er Zugehörigkeit. Wie die meisten Menschen mit DDR-Sozialisation will er auf der richtigen Seite stehen, und seine diffuse Unabhängigkeit leben. Was er dabei nicht bemerkt: Er steht sich im Weg und schlägt kaputt, was Oma Erika, Mutter Marion, Vater Roland und seine Schwester Maria mühsam als Familie errichtet und erhalten haben.
„Mit Großmutter war auch das zwanzigste Jahrhundert gestorben, in dessen schwachen Schatten er hineingeborgen war. Ihr Leben hatte drei deutsche Staatsformen überdauert, einen Krieg, die Vertreibung aus Schlesien und später durch den Tagebau, vier Währungen und das Internet […]
Vater und Mutter hatten für die Demokratie gekämpft und sich durch den Kapitalismus schließlich geschlagen gegeben, aber immerhin. Er hingegen konsumiert nur. Seine Welt war klein und hörte überall die gleiche Musik. Egal, wo er hingeht, irgendwo stand ein Aldi.“ (S. 182 f.)
Um die Lebensleistung der Elterngeneration des Autors zu würdigen – dafür steht Lukas Rietzschels aktueller Roman ‚Sanditz‘. Handlungsort ist die titelgebende fiktive Kleinstadt Sanditz in der Lausitz. Einer Region, die sich vom Süden Brandenburgs ins östliche Sachsen erstreckt, die vom Braunkohletagebau zerfurcht und durch die nachgelagerten Industrien mit protestantischem Arbeitsethos und Stolz geflutet wurde. Abseits, wie ihre Region, fühlen sich die Menschen. In diese Region, wo die blauen Neofaschisten nun absolute Mehrheiten erringen, hat der Autor seinen Gesellschaftsroman angesiedelt.
Rietzschel bleibt seinem Sujet treu. Er blickt auf die Wirklichkeit und schreibt über sie. Er blickt den Menschen in die Augen und schaut ihnen auf den Mund, hört zu und erzählt ihre Geschichten. In ‚Sanditz‘ hat der Autor zwei Erzählstränge angelegt. Die zeitgenössische Ebene handelt von den unausgesprochenen Wünschen der Kinder- und Enkelgeneration im Heute während der Pandemie und nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022.
In der historischen Handlungsebene erzählt der Autor, wie sich die Eltern- und Großelterngeneration von einem Leben in Unfreiheit emanzipierte. Von Roland und seiner lebenslangen, aber unerfüllten Liebe zu Achim. Von der freien Bibliothek und der evangelischen Kirche in ihrer gesellschaftlichen Nische, in der sie standhaft Gedankenfreiheit gegen bohnerwachsriechende Spießigkeit verteidigten. Und wie sie schließlich das Alte-Herren-Regime mutig entmachteten.
Auf 467 Seiten setzt Lukas Rietzschel seine Autorschaft erneut dafür ein, konsequent der leidlich oft eingeforderten ostdeutschen Perspektive Geltung zu verschaffen. Er tut dies nicht laut, wie diese dumpfe Minderheit, sondern klug und empathisch. Sprachlich weiterentwickelt hat Rietzschel seinen Stil zugunsten eines sympathisch ironischen Augenzwinkerns. Damit bekräftigt er die Haltung seiner Protagonist:innen, die er aussprechen lässt, was sie denken und wo sie stehen. Auf ein Urteil verzichtet der Autor.
Wer im Osten aufwachsen ist, erkennt sich zweifelsohne wieder in diesem Roman. In seinen Figuren, ihrer Sicht auf die Welt, ihren Biografien, ihrer Sprache und geronnenen Redewendungen. Wären manche lose Enden in die Gesamterzählung besser zusammengebunden worden, ‚Sanditz‘ hat das Zeug vom Romanformat Christoph Heins. Freuen wir uns auf seine Nachfolger.
„Eines Abends stand er am Fenster seines Büros und beobachtete, wie Frau Wenzel nach Hause ging. Nachdem sie die Tür der Sparkasse verschlossen hatte, blickte sie noch einmal kurz nach oben, um sich zu vergewissern, dass er noch arbeitete. Er öffnet das Fenster und rief: ‚Bitte warten Sie!‘ […]
‚Warum helfen Sie mir? Warum sind Sie immer so freundlich? Wir kennen uns doch gar nicht.‘ Frau Wenzel schein nicht zu verstehen. Sie zog die Augenbrauen zusammen, tiefe Falten bildeten sich. ‚Na das gehört sich doch so‘, sagte sie. ‚Hätten Sie nicht das Gleiche für uns gemacht?‘“ (S. 406)
- Gelesen im April 2026
- Aufmerksam wurde ich auf den Roman durch die zahlreichen Ankündigungen auf den Roman.
Selbst im Urlaub wird rezensiert… Das hört sich sehr lesenswert an 🎈🙆♂️Hans-Jürgen Bremermann hansjuergenbremermann@gmx.de+49 177 162 5397
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