Achtung, Theater! – ‚Und jetzt?‘ an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Sich selbst regulierende Systeme, Kybernetik, darum geht es. Hier im PCK, im Petrolchemischem Kombinat Schwedt. Und wenn die das hier, was wir hier probieren, mal nach Berlin bringen, ob die uns mitnehmen? Ich meine, mit den Berufsschauspielern hat das wenig zu tun. Was wir hier machen, ist Arbeitertheater. Diese Provokation immerzu. Als ob die zum Jahrestag der Republik Rollschuhballett auf die Bühne bringen. Da haben wir dann einfach, agitpropmäßig, das alles gestürmt und, sagen wir, Brechts Mutter gespielt. Stell wir vor, wir würden alle Kreuzungen in Berlin besetzen und überall Brechts Mutter spielen. Da können die gar nichts machen, sag ich dir.

Aber darum geht es nicht, sondern um Kybernetik. Im PCK. Was wir hier probieren, ist das Leben von Gerhard Winterlich als Sommernachtstraum mit drei Pausen. Stell dir das mal vor. Das Leben macht doch keine Pause. Wie soll das gehen, einfach Pause machen? Als ob das Leben stehen bleibt. Ein Sommernachtstraum mit drei Pausen im Arbeitertheater. Wir sind doch Arbeiter, hier im Freizeitheim vom PCK Schwedt. Behalte bloß die Lämpchen im Blick. Auch wenn die Zwischenraumfreizeit auf null reduziert wird, die Lämpchen musst du immer im Blick behalten. Das musst du den Berufsschauspielern sagen.

M: „[…] Gegen einen überhitzten Individualismus, das wär‘ doch mal was. Das wär‘ endlich mal wirklich antikapitalistische Kunst auf der Grundlage von Kybernetik und nicht nur Zettel mit Eselsohren.“

Und jetzt? Raus aus unterkühlten Vorweihnachtsaltbauwohnungen, rein ins überhitzte Theater. René Pollesch verhandelt mit seiner aktuellen Arbeit ‚Und jetzt?‘ die nächste Krise der Dauerkrise an der Volksbühne Berlin. Martin Wuttke, Franz Bell und Milan Peschel rennen durch industrieromantische Verfallslandschaften mit bunten Hemden und Overalls ohne zu wissen, warum. Und jetzt? Vom buchstäblichen Blitz getroffen wird der 90-minütige Theaterabend zum Dauerspektakel auf sechs Beinen. Die Rahmenhandlung – das Leben von Gerhard Winterlich als Sommernachtstraum mit drei Pausen – pulverisiert Pollesch zu Solitären, die zwar sehr lustig sind, bedauerlicherweise aber rein gar nichts mit dem Leben von Gerhard Winterlich als Sommernachtstraum mit drei Pausen zu tun haben. Und mit Robert Habeck erst recht nicht.

Und jetzt? Jetzt schlage ich vor, vor die Tür zu treten und nach Nordosten zu blicken in den Abendhimmel über dem Petrolchemischem Kombinat Schwedt. Dort spielt die Musik und die immerhin sehr gut. Denn insbesondere die wirklich ausgezeichnete Begleitmusik holt zurück, was im Bühnenbild von Anna Viebrock verloren ging: ein Konzept. Und alle losen Fäden, die Pollesch viel besser zusammenführen kann, als seine aktuelle Arbeit zeigt. Nichtsdestotrotz ist ‚Und jetzt?‘ wunderbare Unterhaltung, die man nicht verstehen braucht im Übermaß an Referenzen. Als sich selbst regulierendes Bauchmuskeltraining reicht es allemal.

  • Gesehen am 26. Dezember 2022
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik.

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