‚Das pinke Hochzeitsbuch‘ von Przemek Zybowski

Grau sind der Himmel und die Landschaft zu dieser Jahreszeit. Die Äcker gepflügt. Die Dörfer in Nebel gehüllt. Trauer hängt in der Luft. Gekleidet im langen Schwarz duckt sich Radomsko vor den Ankömmlingen aus Deutschland. Ausgereist sind sie, geflohen 1984, als viele dem lockenden Klang des Westens folgten. Nun kommen sie wieder: der Sohn, die Mutter und der Vater. Der Sohn aus Berlin nach neun Stunden Fahrt. Die Eltern von sonst woher aus dem ungeliebten Deutschland, um des Enkels Babcia die Ehre zu erweisen, die Letzte.

Keine leichte Fahrt für die getrennte Familie in die alte Heimat, wo Vergangenheit am grauen Putz der Häuser haftet. In den Bäumen das Krähen der Raben, das nicht willkommen heißt. Im überhitzen Wohnzimmer nun die Verwandtschaft, die die Ankunft unruhig erwartet. Den Enkel, die Tochter, den Schwiegersohn. Über 30 Jahre und kein Friede, keine Vergebung zwischen den Generationen für den vermeintlichen Verrat an der Familie und an Polen. Ausgerechnet zu den Deutschen mussten sie gehen. Den Sohn zurückgelassen für die geglückte Flucht. Radomsko in der Woiwodschaft Łódź mit dem Enkel, der nicht begriff, dass die Eltern nicht wiederkommen. Ihn zurückließen bei seiner Babcia im Jahre 1984.

„Dabei war es mein persönlicher Schmerz, das Verschwinden der Nachbarn […] es hat das Land verwüstet, für hunderte von Jahren, für immer […] Vielleicht ist es ähnlich mit den Beziehungen in einem selbst, mit der Liebe, sie kann verschwinden und nie wiederkommen […]“ (S. 201)

Das Haus der verstorbenen Großmutter bildet sowohl das Zentrum und als auch den historischen Anker in Przemek Zybowski Debütroman ‚Das pinke Hochzeitsbuch‘. Am Totenbett treffen persönliche Erinnerungen auf längst vernarbte Wunden mit Verwünschungen und Anklagen. Anklagen an sich selbst im Verlassen sein und sich verlassen fühlen. Vorwürfe an die Eltern, die das Unglück des Protagnisten nicht verstehen, nicht annehmen wollen. Auf 219 Seiten verhandelt Zybowski in ruhiger, beinahe mystischer Sprache die Zerrissenheit einer Gesellschaft anhand des zurückgelassenen Enkels, der entwurzelter Profiteur der Flucht seiner Eltern wurde. Ein erstarrtes Land, das blutet vor lauter Vergangenheit und der Sehnsucht, die stets nur solange trägt, wie sie unerfüllt bleibt.

‚Das pinke Hochzeitsbuch‘ ist ein Zwei-Ebenen-Roman, der changiert zwischen Gegenwart und Retrospektive. Die wechselseitigen Erzählungen aus Sicht des Ich-Erzählers und Protagonisten Anhelli verwebt der Autor dialektisch zu einer synthetischen Gegenwart, einem postsozialistischen Märchen mit Phantasie und unaufgeregtem Pathos. Die gelungene Übersetzung trägt Stimmung und Tonalität einer existenziellen Suche nach dem eigenen Ort. Dem Ort, wo man sein möchte und kann, wie man ist. ‚Das pinke Hochzeitsbuch‘ stellt Fragen unter den vielen möglichen Himmeln, die darauf Antwort geben (können).

  • Gelesen im Januar 2023
  • Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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