‚Eroberung‘ von Laurent Binet

Nachdem 40 Erntejahre vergangen waren, beschloss Atahualpa, über das Meer nach Norden zu fahren. Er beschloss, die alten, verfaulten Schiffe, die die Orientalen zurückließen, bevor sie starben, in Stand zu setzen und stach in See. Der Inka nahm alles mit, was er hatte und das Seine nannte. Alle Frauen und Männer, die Kinder, die Prinzessin und Quizquiz, den rothaarigen General, der Thor verehrte wie die neuen Götter. Die Lamas wurden auf die Schiffe getrieben, die Papageien verladen und der gezähmte Puma höchst selbst an der Seite des großen Inkas. Viele Monde später, als sie Land sahen, wussten sie nicht, was es war und wo, aber es sah gut aus und die Türme ragten weit in die Himmel, um sie willkommen zu heißen im fünften Reichsteil der vier Reiche jenseits des Meeres.

Zwei Prämissen liegen dem Roman ‚Eroberung‘ von Laurent Binet zugrunde: Erstens haben die Wikinger Lateinamerika weit vor Christopher Columbus entdeckt; zweitens hat eben dieser Haiti zwar erreicht, später auch das Festland, doch kehrte er nicht nach Europa zurück, woraufhin sein Name und sein Vorhaben in Vergessenheit gerieten. ‚Eroberung‘ ist ein 382 Seiten starkes, kontrafaktisches Gedankenexperiment, das jeden Geschichtsliebhaber in große Freude versetzt. Und viele andere ebenso.

Darin liegen Stärke und Schwäche gleichermaßen. Dann die Kunst der Kontrafaktik ist geistige Beweglichkeit, gepaart mit Salz und Pfeffer und einer ordentlichen Portion Zufall, gemixt mit Witz, schließlich serviert mit detailversessener Genauigkeit. Genau dieser mangelt es Binets ‚Eroberung‘. Ein Malus, der deutlich zu Buche schlägt. An dieser Stelle empfiehlt sich Petersilie und Mut zur Lücke, Mut zu großen Linien. Große Linien, die sprachlich ganz bezaubernd vor inhaltlichen Blindstellen ein Auge zudrücken lassen.

Denn mit großen Linien wird in ‚Eroberung‘ reichlich skizziert. Wunderbarer Ansporn, die Erbsenzählerei den alten Orientalen im fünften Reichsteil zu überlassen. Den Spaniern, den Franzosen, diesem Luther und dem Häuptling der kahlköpfigen Männer. Mit Kleinigkeiten gibt sich Binet nicht zufrieden und das mit Recht. In vier große Kapitel gegliedert, schildern vier Ich-Erzählern ihre Eroberung. Jedes Kapitel gleicht einem historischen Artefakt – mal als persönliches Tagesbuch, mal als Chronik posthum. Durch diese formale Raffinesse gelingt es dem Autor mit schelmischem Witz, die soziologische Konstruktion der alten und neuen Welt aufs Korn zu nehmen, wofür er herrliche Methapern findet. Der angenagelte Gott wird ihm vergeben.

Mein Fazit: ‚Eroberung‘ ist ein Roman, der Geschichtsmuffel und alle Schlagerfreunde aus Nord-Neukölln im Hopserlauf mitnimmt in die alte und die neue Welt. Eine neue Welt, die unserer ähnelt und ihr fremder und fremder wird. Ein Roman, der liebevoll, aber scharfzüngig, vermeintlich unumstößliche Sitten dechiffriert. Der mit freundlichem Lächeln Wege beschreitet, für die Europa noch Jahrhunderte brauchen sollte. Oder bracht. Schaden kann die Lektüre auf keinen Fall.

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