‚Picknick auf dem Eis‘ von Andrej Kurkow

Über mich würden sie schreiben: Er war zu klein damals. Und zu jung obendrein, Mitte der 90er Jahre. Als der Ostblock in Blöcke zerfiel und kleine Republiken Repliken ihrer selbst sein wollten – oder auch nicht. Viktor hat das große Vergnügen, Zeuge dieser krassen Zeit zu sein. Als Ostberliner Industriehallen ihren letzten Frühling als Technotempel feiern, sucht Viktor einen Job. Nicht nur in Ostberlin, auch in Kiew sind viele arbeits- und manche ziellos. Viktor lebt in Kiew und ist Glückspilz und Winterkönig zu gleich. Er stiftet nicht nur Mischa ein neues Zuhause, nein. Als erfolgloser Erfolgloser begründet Viktor eine neue Literaturgattung. Ehre wem Ehre gebührt.

Die Zeiten sind hart im kalten Kiewer Winter. Er, Viktor, Schriftsteller und Freigeist, schreibt zwar und das regelmäßig, aber was will man sagen? Was soll man sagen bei diesem Kulturredakteur als Chef? Wodka hier. Kaffee mit Cognac hinterher. Wo bleibt die Kultur? Und vor allem die Liebe? Die Liebe! Zu Mischa, zu Sonja? Vielleicht auch dieser anderen Frau, die plötzlich in seinem Bett liegt. Jedenfalls strampelt Viktor ganz wild und als der Dnjepr endlich trägt, gehen Viktor, Mischa und ihr gemeinsamer Freund von der Polizei Schlittschuh laufen und prüfen, was der Mensch so tragen kann.

Was der Mensch ertragen kann, davon schreibt Andrej Kurkow und zwar so humorvoll, dass der Eindruck entsteht, die 90er waren ein Freudenmeer der Einfachheit halber. Kurkow schreibt von ausländischen Limousinen mit dubiosen Insassen. Vom mittelschweren Bandenkrieg auf den Straßen der Hauptstadt. Von Verbindlichkeit und abhängiger Unabhängigkeit. Vom Glück in Zeiten der aufgehenden Sonne und dem Umgang miteinander: Freundschaft, Familie, Hilfe und Selbsthilfe. Einem aufrichtigen Umgang, wahrscheinlich auch naiven, im postsozialistischen Ostblöckchen.

‚Picknick auf dem Eis‘ gerät nicht zur schnöden Gazette mit Wochenendbeilage und alten Nachrichten. Ganz im Gegenteil! Kurkow schreibt einfach und stringent. Sachlichkeit mit Witz vom Anfang bis zum Ende: Mischa freut sich – Michael auch. 288 Seiten große Alltagsweisen und kleine Küchenphilosophie. Eine Verhandlung zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik und der Frage: Wo stehe ich und wo stehen die Anderen? Eine Standpunktsuche in unklaren Zeiten, in denen der innere Kompass wichtiger ist als irgendeine Moral. Eine Geschichte, die verfängt und trägt. Auch über das Ende hinaus.

‚Picknick auf dem Eis‘ ist ein Roman, der mehr hält als er verspricht. Ein Roman, der vieles kann. Krimsekt im Casino mit Schuss und lauwarmen Tee in der Vorstadtlaube. Ein Roman für die gute Unterhaltung, die schnell kommt und länger bleibt, als das dicke dünne Eis vom Dnjepr in der Frühlingssonne.

  • Gelesen im September 2019
  • Vielen Dank, lieber Mozart, für dein erbauliches Geschenk zum Ehrentag.

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