‚Atemschaukel‘ von Herta Müller

Es ist noch 1945 und Krieg, als spät nachts die Polizisten kamen. Sie kamen zu spät. Zwei Stunden zu spät, um genau zu sein. Für die Altvorderen und überhaupt alle, die auf ihrer Liste standen, war es ein Graus. Großes Graus sogar. Und als sie im Zug saßen – Viehwaggons mit Kanonenofen in der Mitte, immerhin – fuhren sie ohne Unterlass. Über Eis und Schwellen und durch Dörfer und verbrannte Dörfer und immer nur das gleiche weiße Weiß. Eiswüste! Wüste aus Eis und aus Sand zwischen den Wintern.

Etwa 1000 waren sie und schon 300 weniger nach nur drei Jahren. Fünf Jahre werden es. Oder doch mehr? Viel mehr, die am Ende der Hungerengel holt. Als die Haut-und-Knochen-Zeit die Phantasie benebelt und alle Appelle zum Appell werden. Abends insbesondere, wenn der Hungerengel neben und über ihnen schwebt. Der Hungerengel auf der Atemschaukel: Davon schreibt Herta Müller.

Sie schreibt über die Sachsen aus Siebenbürgen. Siebenbürger Sachsen in der Deportation. Man muss sagen, er wollte weg. Weg wollte der Junge. Er war anders, nicht? Doch, anders war er. Der Ich-Erzähler wollte weg. Weg aus Hermannstadt, als es noch Hermannstadt hieß. Und so saß er im langen Zug auf langer Reise. Bis der Atem schwankt und das Herz stockt, mit der Herzschaufel beim Kohle schippen und 40 Grad unter Null. Herta Müller schreibt davon in Leichtigkeit. Mit einer Sprache, die so verfängt, als sei es Urlaub. Urlaub in der Steppe, ohne Post und mit vielen Engeln. Hungerengeln! Hungerengel als treue Begleiter beim Hausieren. Kohle zu Staub und Meldekraut in den Topf.

„Alles Einfache ist reines Resultat, und ein Gaumensegel hat jeder. Der Hungerengel wiegt jeden, und mit denen, die lockerlassen, springt er von der Herzschaufel. Das ist sein kausales Prinzip und sein Hebelgesetz“ (S. 90).

‚Atemschaukel‘ sind 297 Seiten, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Obszön und vulgär sind sie nie. Man schaut nicht beim Morden zu, nur beim leisen Sterben. Herta Müller schreibt das Unbeschreibliche als Episodenroman. Als Tagebuch, das vieles zum Inhalt hat, weil sich doch alles um alles dreht. Harter Tobak bei Hitze und bei Kälte. Wie ‚Trutz‚ von Christoph Hein, nur weiblich: fein gewoben ohne Tagesschaustil. Ein ausgezeichneter Roman, den man lesen und lesen wollen muss. Müller trifft Worte, die klingen. Legt ihrem Protagonisten Sätze in den Mund, die schlicht und wahr sind. Nicht schlicht im Gehalt und darum herzzerreißend. Ein Buch über Entfremdung. Deprivation, und kein Ende in Sicht. Weiteratmen!

  • Gelesen im September 2019
  • Ein Zufallsfund auf Books are gay as fuck. Großen Dank an Marlon und die Wunderkiste und Ihnen viel Freude beim Lesen weiterer Stimmen.

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