‚Léon und Louise‘ von Alex Capus

Die Leidenschaft am Sammeln sollte Léon zeitlebens erhalten bleiben. Sie war zwar nie Antrieb seines Tuns, aber Startpunkt für viele, viele Episoden und Schleifen. Und das konsequent. Episoden und Schleifen, die mal geradlinig, mal mit Volten dorthin führten, wohin sie führten. Dass die Trauergemeinde in Notre Dame am Ende wusste: Das war sie. Sie!

Die Sammelleidenschaft als Ausgangspunkt seines ungewollten Gangs zum Bürgermeister. Seiner Reise zum Ende der Welt, wo er als Telegrafenassistent bei der Eisenbahn Dienst tat und tut. Tuuut Tuuut! Seiner Zeit im Lazarett und seiner restlichen in Paris. Ein Leben motiviert vom Sonnenschein im Herzen und der Liebe zweier Frauen. Und zu zwei Frauen. Seinen Frauen! Louises Liebe vom einen Ende der Welt bis zum andern und wieder zurück. Yvonnes Liebe zur Familie, den Kindern und später zu sich selbst. Zur Spätherbstsonne im langen Frühling zum Ende der Saison. Die 315 Seiten bieten genau das, was ich von 315 Seiten Alex Capus erwarte: Leben. Bestenfalls ein Leben ohne große Tiefen, in dem die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Die Sterne aber umso heller funkeln in der Wüste Französisch-Sudans. ‚Léon und Louise‘ ist Kontinuität. Die Geschichte einer Lebensliebe, die vom Kriege gelenkt wird. Mittelbar jedenfalls. Ein Roman also, der europäische Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verhandelt. Ohne sie einerseits zu ernst zu nehmen und andererseits nicht in die Falle belangloser Stumpfheit gerät.

Unaufgeregt: Wenn ‚Léon und Louise‘ eines ist, dann unaufgeregt. Darin liegt die große Stärke. Die zweite große Stärke ist der Autor selbst. Seine Fähigkeit, mit Worten Inhalte geschmeidig fein zu verweben und ihnen Sinn zu verleihen. Die Klarheit und insbesondere die Empathie für Momente, zeichnen Capus aus. Ich finde, herausragend.

Bedauerlich hingegen, dass – anders als beispielsweise bei ‚Königskindern‘ -, 315 Seiten zu wenig des Guten sind. Vom Leben zum Tode und auf 30 Seiten doppelt zurück genügt nicht, wenn 285 Seiten im Kern fünf Jahre zum Inhalt haben. Und Längen hin und wieder. Was passiert davor, dazwischen? Vor, zurück, zur Seite, ran? Ich denke nicht. Capus bleibt in diesem Roman Einiges schuldig.

Und ist es ein Drama? Kein großes jedenfalls. Denn Dramen brauchen Königinnen und die Franzosen haben die ihren bekanntlich vor Jahren bereits vom Leben zum Tode befördert. Was ich sagen will? Nichts und alles, um ganz bei Alex Capus zu sein. Im Vergleich zu ‚Das Leben ist gut‘ sind Léons und Louises Leben etwas untertourig. Zu wenig Kraft in den Beinen für die Fahrt hoch zum Puig Major. Umso schöner dafür die Ruhe beim Aufstieg und die Gelassenheit bergab. Vielleicht kein Roman für Einsteiger. Bei Lichte betrachtet aber ein Roman, der durchaus zu empfehlen ist. Ein Roman als gute Schule der frühen Jahre.

  • Gelesen im September 2019
  • Vielen Dank, liebe Lisa, für die freundliche Empfehlung. Capus war wieder genau die richtige Literatur zur richtigen Zeit.

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