Achtung, Theater! – ‚Third Generation – Next Generation‘ im Maxim-Gorki-Theater

Ausgezeichnet!

Ich freue mich wirklich, dass heute Menschen, Vertretende des jüdischen und des palästinensischen Volkes anwesend sind. Vor zehn Jahren war das anders. Und ich frage Sie: Sind Türken anwesend? Keiner. Entschuldigen Sie bitte, Türkinnen? Also weibliche Türken? Gestern war das wichtig [8. März]. Nein, auch nicht. Okay. Fühlt sich jemand als türkischer Mitbürger? Nein. Mitbürgerin? Auch nicht. [Gelächter im Publikum]. Aber jetzt, liebes Publikum, sind Homosexuelle in diesem Theater? [Großer Jubel aus dem Publikum]. Wow! Vor zehn Jahren hatte sich das keiner – Pardon, und keine – getraut. Das ist wirklich großartig. Ostdeutsche? Haben wir Ostdeutsche im Publikum? Eine Dame. Dort. Ich erspare ihnen den Weg auf die Bühne. Hinter der Bühne arbeiten ganz viele Ostdeutsche. Ich zeige es ihnen. Moment! [Niels Bormann holt eine Mitarbeiterin des Gorki auf die Bühne].

Acht Personen – oder neun? – neun Menschen erzählen auf der Bühne ihre Geschichten. Geschichten von Schwarz und Weiß. Geschichten vom Kulturbetrieb, vom Holocaust, von der Nakba. Don’t compare! Von Nazis. Von Nazis in Israel. Von israelischen Nazis in der Westbank. Von toten Nazis und vielen, sehr vielen ermordeten Menschen in Auschwitz. Und weshalb die dritte [eigentlich vierte] Generation danach erst durch eine Klassenfahrt ins Vernichtungslager versteht – empathisch verinnerlicht – was es bedeutet, Isreali zu sein. Wow! Ich freue mich wirklich. Scheiß Nazi! Don’t compare, Ladies and Gentlemen.

‚Third Generation – Next Generation‘ ist die Fortsetzung einer zehn Jahre alten Inszenierung der Schaubühne. Verhandelt werden die simplen Fragen: Wie ist der Status quo plus x? Was hat sich verändert? Denn Teil Zwei – the next Generation – wurde notwendig. Vor zehn Jahren hieß es „Nie wieder Auschwitz“. Heute ist die Phrase hohler denn je. So hohl, wie Demokratie und Freiheit es vor dem Einzug der AfD in den Bundestag waren. Und hey, ich bin dir so super dankbar, Dimitrij AKK Dieter Schmidt. Du hast endlich das ausgesprochen, was ich schon so lange fühle. Wir wissen eben, was ein Bausparvertrag ist und welches Glück er bedeutet. Lasst uns alle gemeinsam weiße Socken in Sandalen tragen und uns gut dabei fühlen. Schluss damit. Endlich Schluss mit all der Schuld. Ich bin stolz auf schalldichte Fenster und meinen Bausparvertrag. Bam! Ihr traut euch noch nicht. Das ist okay. Ich spreche es aus. Ich spreche es für euch aus. Ich weiß, dass einige im Publikum so denken wie ich. Ich weiß es. Traut euch. Seid stolz auf euch. Ich bin Dieter Schmidt. Auch ihr seid Dieter Schmidt.

Ausgezeichnet! Eine Premiere auf den Punkt! ‚Third Generation – Next Generation‘ ist DIE Inszenierung der Spielzeit 2018/2019. Sie ist politisch, manchmal aufdringlich – das Gegenteil von subtil –, aber ausgesprochen wichtig. Eine Inszenierung, die komplex ist. Denn es ist komplex. Die Welt ist komplex. Und das Ensemble bunt, gleichberechtig, demokratisch. Ein stimmiges, gut spielendes Ensemble aus Veteranen der ersten ‚Third Generation‘ und Newbees. Ich sage: Unbedingt anschauen! Unbedingt! ‚Third Generation – Next Generation‘ ist ganz großes Theater.

  • Gesehen am 9. März 2019
  • Hier die Stimme der Nachtkritik.
  • PS: Die Sache mit der Vorhaut – können Sie die bitte nochmal erklären?

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