‚Stella‘ von Takis Würger

Als Friedrich sein Zimmer im Grand Hotel bezieht, herrscht Krieg in Europa. Die Wehrmacht steht vor Moskau und Fritz will, wie er meint, etwas von der Stärke der Deutschen einfangen. Sie verstehen, erfahren sozusagen, um selbst stark zu werden. Friedrich, genannt Fritz, fühlt sich schwach, was zweifelsohne an seiner drakonisch flatterhaften Mutter liegt. Dabei wächst Fritz in sonderbar guten Verhältnissen auf. Sein Vater, reicher Unternehmer und Handelsreisender, versucht ihm nicht nur materiell einen ausgezeichneten Start ins Leben zu ermöglichen. Seine Mutter, überzeugte Nationalsozialistin und alkoholabhängig, die sich selbst als Künstlerin begreift, reißt ein, was der Vater hat aufbaut. Also beschließt Fritz zu reisen, beschließt die Flucht. Und zwar nach Berlin im Jahre 1942. Nach Berlin also, wo er Kristin kennenlernt – alias Kristinchen, alias Stella – und seine große Liebe findet.

Damit ist die Handlung von Takis Würgers zweitem Roman einigermaßen skizziert. Was noch fehlt, ist die Rolle des SS-Obersturmbannführers Tristan von Appen und eines Untergrundklubs in Moabit. „‘Obacht!‘, stand daneben“ (S. 53). Nämlich das Berlin der Goldenen Zwanziger weckt ebenso Friedrichs Interesse. Und natürlich Kristin, Pardon, Stella. Stella Goldschlag die Schauspielerin: Femme fatale und Greiferin. Diese Handlung, das Tun einer Greiferin, wattiert in innerer Zerrissenheit und Liebesgeschichte, sorgt also für die erste literarische Kontroverse im Jahr 2019. Bravo!

Denn Würger hat mit ‚Stella‘ einen Roman vorgelegt, in dem er das „Unerzählbare zu erzählen“ versucht, womit auf dem Buchrücken Daniel Kehlmann zitiert wird. Würger erzählt von einem Jungen – wohlgemerkt einem recht naiven –, der seinen Weg sucht, eine Frau findet und sich in ihrem Spiel verliert. Doch Stellas Spiel fliegt auf und das in doppelter Hinsicht. Zum Einen bei der Gestapo, die sie zur Kollaboration zwingt. Zum Anderen bei Fritz, der die Augen verschließt, bis seine Moral ihn zwingt, hinzuschauen. Hinzusehen was geschieht, wovon Stella ein Teil und er ein Teil geworden ist.

Die Kritiken sind vernichtend. Fabian Wolff schreibt in der Süddeutschen, dass Würger ärgerlicherweise jedes Problembewusstsein fehle. Die F.A.Z. spricht von Schund, der nicht mal als Parodie durchginge. Liebe Feuilletonisten, runter mit den verbalen Waffen und Nachsitzen. Euer Echauffieren, euer reflexhaftes Beißen kommt Denk- und Sprachverboten gleich und nervt!

Würger hat auf 214 Seiten die Geschichte von Stella Goldschlag in einem – okay – etwas grotesken Coming-of-Age-Roman verarbeitet, was fragwürdig ist. Aber ist es unmoralisch oder unsittlich gar, einen unterbelichteten Ausschnitt totalitärer Vernichtung der Nazis literarisch zu verarbeiten? Natürlich nicht! Ich sage, Würger hat eine Menge Geschichtsbewusstsein und insbesondere Empathie bewiesen. Er zitiert aus Prozessakten gegen Stella Goldschlag, welche sich vor einem sowjetischen Militärgericht verantworten musste. Er kontextualisiert seine Handlung in das authentische Zeitgeschehen. Führt an, was noch war. Was noch auf der Welt geschah – wer, wo, was dachte, sprach und tat. Er antizipiert somit den Verwurf von Geschichtsvergessenheit und interveniert präventiv. Ich nenne das verantwortungsbewusst!

‚Stella‘ ist ein Roman, der mancherorts hölzern und arg gezwungen wirkt. Nichtsdestoweniger leistet er einen ausgesprochen guten Beitrag zur künstlerischen Verhandlung unserer Geschichte. Würger zeichnet nicht schwarz und weiß, sondern betont die Schattierungen. Seine Grautöne sind bezeichnend bunt. Es gibt kein Gut oder Böse. Stopp! Denn Alle sind schuld – haben Schuld. Am Ende ist sein Urteil klar. Mein Tipp, liebe Fatzken: Den moralischen Eifelturm verlassen und ‚Stella‘ als Gedenkkultur der vierten Generation nach Ausschwitz begreifen. Ich bin gespannt auf den weiteren Verlauf einer notwendigen Kontroverse.

  • Gelesen im Februar 2019
  • Ich bilde mir gern selbst eine Meinung insbesondere bei derart heftigen Kontroversen. Es hat sich gelohnt.

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