‚Italien in vollen Zügen‘ von Tim Parks

Abenteuer sind durchaus meine Sache, okay. Und meistens ist mir zu Beginn völlig unklar, worauf ich mich einlasse. Zum Glück! So ähnlich erging es mir retrospektiv beim Lesen von Tim Parks Reisebericht ‚Italien in vollen Zügen‘. Denn so oder so ähnlich hätte es mir auf meiner Reise ergehen können, als ich unlängst den Nachtzug nach Rom bestieg. Schade eigentlich, dass mein Schaffner kein Capotreno der Trenitalia war.

Was Parks schreibt, ist eine Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung an Italien und seine Eisenbahn. Gleichzeitig sind Parks‘ 412 Seiten im Paperback der perfekte, mentale Reiseführer für Städtereisen nach Firenze oder Napoli. Für Interrail-Freunde und Sonntagsausflügler, die etwas südländischen Müßiggang pflegen möchten. Parks beschreibt das, was erst nach sehr langem Hinschauen vordergründig wird. Detailversessen und überaus empathisch berichte Parks humorvoll vom wunderlichen Alltag im Interregionale nach Mailand. Und zurück. Er scheibt von Fahrpreisen weit unterhalb des europäischen Durchschnitts und weshalb sie irgendwann doch steigen mussten. Wussten Sie, dass vom italienischen Arbeitgeber jährlich ein nullaosta ausgestellt werden muss und dass diese Formalie niemals nur eine reine Formalie sein wird? Wegen dieser und anderer Kuriositäten lohnt dieses Buch ganz ausgesprochen.

Als ich das Kapitel vom Zug der lebenden Toten las – dem ersten Pendlerzug von Verona nach Mailand – und Parks vom Protest der Bauern berichtet, wie sie ihre Kühe auf die Eisenbahngleise treiben, um in freundlicher Übereinkunft mit der Polizei jeden Zug 30 Minuten aufhalten zu dürfen, fühlte ich mich in meine Kindheit rückversetzt. Ja, der Wilde Osten! Als rumplige, grüne D-Züge fuhren und später zu kinderfreundlichen blau-weißen Interregios wurden. Ich mochte die Interregios. Sie waren zwar etwas langsamer als Intercitys, dafür mit Speisewagen und ohne Zuschlag. Die Wagen hatten Abteile, in denen man geruhsam die Fenster öffnen und bei 120 km/h, vielleicht auch 160, sich den Wind um die Nase wehen lassen konnte. Doch nicht nur der Gestank der alten Kraftwerke um Leipzig verschwand, sondern auch die schönen Interregios aus den Fahrplänen. Die kurzzeitig eingesetzten IC-Züge waren nicht schneller – nur teurer. Bald wurden sie eingestellt, durch Regionalzüge ersetzt oder ersatzlos gestrichen.

Von diesem Prozess in Italien berichte Parks auch. Wie das quasi-sozialistische Verkehrswesen zur Klassengesellschaft wurde und stolze Capotreni durch Automaten ersetzt. ‚Italien in vollen Zügen‘ ist Reisebericht und Sozialstudie, Lexikon und Liebesbrief. Ein Muss für Teutonen und Briten, die mit wenig Selbstironie über so viel Widerspruch den Kopf schütteln. Ein Muss für alle Optimisten. Ein Muss für alle Freunde der Eisenbahn. Allzeit gute Fahrt!

  • Gelesen im Februar 2019
  • Wirklich ein Glücksfall, ein wunderbarer Zufallsfund beim Sonntagskaffee in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.

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