‚Die Wand‘ von Marlen Haushofer

Ein Wochenende mit Freunden und Verwandten im Jagdhaus verbringen; einem Jagdhaus in den Bergen. Einer Region, in der die Jagd noch zum guten Ton gehört. Trotz Widerwillen eine gute Idee nach harter Arbeit der vergangenen Wochen. Für letzte Besorgungen fahren Hugo, der Gastgeber, mit Ehefrau Luise nochmal ins Dorf. Ihren Hund Luchs lassen im Haus und das soll sein Schaden nicht sein. Als Luises Schwester nach längerem Warten beschließt, ins Dorf zu gehen und in Erfahrung zu bringen, ob Hugo noch im Wirtshaus sitzt oder bereits den Heimweg angetreten hat, stellt sie Luchs‘ blutige Schnauze fest. Luchs, der vornweg rannte – wie immer, bei ihren Ausflügen. Plötzlich wird ihr Gang selbst gewaltsam gestoppt. Sie stößt gegen eine, gegen die  Wand. Eine unsichtbare Wand, die fortan ihr Leben und das Leben ihrer Tiere bestimmt und begrenzt. Glück im Unglück, denn hinter der Wand ist jedes Leben zu Stein erstarrt.

Marlen Haushofers 1963 erschienenes Hauptwerk erzählt eine Geschichte, die schlicht und gleichermaßen radikal ist. Sie handelt vom Ende der Zivilisation und das ganz real, denn Zivilisation – Gesellschaft, Staaten, konstruierte soziale Konventionen – hören auf zu sein. Sie, die Protagonistin und Ich-Erzählerin, ist auf sich gestellt. Zurückgeworfen auf die Dinge, die Hugo als Vorrat eingelagert hat. Zurückgeworfen auf die Natur und ihre Fähigkeit, die Welt urbar zu machen: als Bäuerin, als Jägerin, als Frau. Ohne überbordende Sprache und reißerischen Bildern berichtete die Ich-Erzählerin über ihr Leben; von Ambivalenzen, Höhen und Tiefen, den Kampf um Nahrung und – ja – ihr Überleben. Im permanenten inneren Monolog werden die grundsätzlichsten Dinge verhandelt, ohne abschließend beantwortet zu werden. Fragen nach Moral, Leben und Tot, dem eigenen Tot und schwindenden Lebenssinn und -mut, wenn das bisherige Leben rigoros ausgelöscht wurde.

Haushofers ‚Wand‘ mag an ‚Robinson Cruso‘ erinnern, was nicht ganz von der Hand zu weisen ist. Einige Diskurse mögen ähnlich sein. Andererseits erzählt Haushofer vom Leben einer Frau, die 250 Jahre später lebt und zwangsläufig die für sie relevanten Fragen der Zeit verhandelt. Oft fühlte ich mich an Szenen aus Lars Kraumes inspirierenden Film ‚Die kommenden Tage‘ erinnert. Nämlich als Hans, gespielt von Daniel Brühl, im Niemandsland der Gesellschaft entflieht und hinter bzw. vor seiner Wand, der Mauer versucht, sein Leben als Einsiedler zu meistern.

Die 276 Seiten sind durchaus gut bekömmlich, auch wenn einige Längen zum Ende hin ermüdend sind. Nichtsdestoweniger ist ‚Die Wand‘ ein lesenswertes Gedankenexperiment, das ganz hervorragend auf Angelurlauben oder Tagen auf dem Bauernhof als Nachtisch zu empfehlen ist. Und wer sich im Anschluss vom Nutzen praktischer, handwerklicher und gar bäuerlicher Fähigkeiten cineastischüberzeugen möchte, dem empfehle ich an grauen Novemberabenden bei einem Glas Rotwein ‚Die kommenden Tage‘ in HD.

 

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