‚Nenn mich November‘ von Kathrin Gerlof

„An einige Bäume hat er kleine rote Fäden gebunden (…) Die alten verlassenen Bahnstrecken bekommen noch einmal ihr Signalsystem. Und alles steht auf Halt“ (S. 291).  Auf Halt standen nicht nur die Signale im Leben der Lindenblatts, sondern auch die Signale im Dorf. Einem Dorf inmitten endloser Maisfelder, das wüst geht, wüst gehen wird, sollten die Neuen nicht bleiben. Die Neuen, Marthe und David, Erben eines kleinen Hauses, die aufs Land ziehen und das widerwillig. Wie das Dorf, so ging ihr Businessplan ebenfalls wüst. Marthe unternahm den schweren Gang mit Stolz, wie Kathrin Gerlof schreibt. Insolvent sind sie – haben alles verloren und nun, kurz vor der 50, verlassen sie die Stadt, um einen Neuanfang zu wagen – wagen zu müssen.

Neuanfang heißt Sachsen-Anhalt; irgendwo zwischen Köthen und Magdeburg, irgendwo zwischen Elbe und dem Ende der Welt. Die Großgemeinde ist unter zwei Platzhirschen aufgeteilt, die bereits zu DDR-Zeiten das Sagen hatten. Der eine ein Plauderer, der andere der Macher, beide untersetzte Schatten ihrer selbst, die kurz nach der Wende recht schnell verstanden, wie der Hase laufen wird. In alter Gutsherrenart ostelbischer Bauern entscheiden sie über Wohl und Wehe des Dorfes, das nicht wüst gehen darf. Ihr Besitz darf nicht wüst gehen! Dabei verschlingt das Dorf die Menschen. Sie sind lahm und wurden alt. Auch die Neuen werden es sein. Ihr Neuanfang ist Entschleunigung. Alle Signale stehen auf Halt.

Die Soziologie des Dorfes als Bühne aktueller Weltpolitik. Auf 352 Seiten skizziert Gerlof das Leben von Menschen und weist dabei auf gesellschaftliche Entwicklungen hin, ohne mit dem Finger auf den rosa Elefanten zu zeigen. Aussterbende Landschaften, Migration als Chance und Notwendigkeit, Toleranz und persönliches Unvermögen sind Themen, die verhandelt werden, ohne über Lebensschicksale zu urteilen. Gerlofs Protagonisten sind die Gescheiterten. Die Frauen im Konsum, der kein Konsum ist; der Hundemann, dem die Frau davonlief und dessen Hund das Dorf in Schrecken versetzt – es sind Geschichten vom Resignieren und dem Warten. Warten auf den Frühling, die alte neue Liebe, die unliebsame Veränderung. Und sie dreht sich doch, die Welt. Immer vorwärts dreht sie sich: mit den Alten und den Neuen und den ganz Neuen.

Sollte die Vermutung entstehen, Gerlofs Roman sei eine Kopie von ‚Unterleuten‘, muss widersprochen werden. Gerlof leistet einen Beitrag zum Verständnis von Lebensrealität, die wir verließen und nur verlernt haben, sie zu verstehen – aus ähnlicher Unkenntnis, wie die Protagonisten im Dorf. ‚Nenn mich November‘ ist ein empfehlenswerter Roman, den man besser im Februar liest. Wenn die Tage länger werden und die Temperaturen wärmer. Denn solange ein neuer Frühling kommt, stirbt auch die Hoffnung nicht.

  • Gelesen im September 2018
  • Aufmerksam geworden durch eine Besprechung neuer, ostdeutscher Gegenwartsliteratur in der Süddeutschen, wo sich im Übrigen auch Lukas Rietzschel wiederfindet.

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