Achtung, Theater! – ‚Ein wenig Licht. Und diese Ruhe‘ am Berliner Ensemble

Die Zukunft ist längst nicht mehr weit und offen und kein willkommenes Versprechen der Gegenwart. Ein junger Mann wird zum Wehrdienst eingezogen und verweigert sich. Er weigert sich, sein Leben zu geben für eine Regierung und Militärführung, die Wirtschaftswachstum als alleroberste Maxime ihres und des gesamtgesellschaftlichen Auftrags beschreibt. Die Mobilmachung betrifft die Bevölkerung eines der beiden Zwergstaaten Luxemburg oder Liechtenstein, denn die kleinen Scharmützel haben sich zu einem veritablen Krieg entwickelt. Ein Krieg vor der Haustür Europas, kommentieren die Kommentator:innen. Ein Trümmerhaufen auf einem Berg voller Geld, witzelt der namenlose Deserteur im eigenen Bunker, den er sich teilt mit überkommenen Idealen: der Solidarität, der Freiheit und einem letzten Kanister Trinkwasserersatz.

Lange Zeit arbeitet er als Ingenieur für einen Rüstungskonzern und bejaht die technische Entwicklung. Bei der Erzählung über autonome Drohnenschwärme wird sein Gesicht weich und entwickelt Züge aus Zuneigung und Stolz. Eine emotionale Collage, die widerhallt im Auf und Ab der zerrissenen Persönlichkeit, der jeglicher Glaube und alle Hoffnung verloren gegangen ist. Aber so ein Krieg muss doch über eine gewisse Ästhetik verfügen, deklamiert der Deserteur im eigenen Kammerspiel. Die Bühne vibriert, Putz und Szenenstaub rieseln von der Decke und die europäische Friedensfazilität bemüht sich weiter um Haltung.

Was Gabriel Schneider als queerer Waffenfetischist und Protagonist realitätskalt feststellt, Demokratie und Freiheit seien entleerte Worthülsen, beschreibt vortrefflich die Inszenierung von Dennis Nolden ‚Ein wenig Licht. Und diese Ruhe‘ am Berliner Ensemble. Nach der grandiosen Intellektuellenrevue ‚RCE‘ und der immerhin inspirierenden Dystopie ‚Es kann doch nur noch besser werden‘ bewahrt ausschließlich Gabriel Schneider den dritten Sybille-Berg-Abend vor dem völligen Desaster. Dass Bergs Texte sperrige Monolithen sind, die zu lange vom Historischen Materialismus getrunken haben, weiß jede Person, die einen Lektüreversuch unternommen hat. Noldens Aufgabe bestünde darin, sich dem Text mit einer Idee zu nähern. Diese Idee blieb unauffindbar. In der dramaturgischen Auseinandersetzung hätte es weiter einer Führung bedurft und keiner Kakophonie aus Tempo und Lautstärke. ‚Ein wenig Licht. Und diese Ruhe‘ sind 1:45 Stunden Ermüdung und Banalität. 

Was sowohl der Regie als auch dem etwas bemühten Bühnenbild fehlen, macht sich Gabriel Schneider zu eigen. Er komponiert Einfälle und spielt mit den Unzulänglichkeiten dieser Inszenierung. Entwaffnend und klug wendet er sich direkt an das Publikum in seinem Monolog. Diese willkommenen Momente sind Lichtblicke in einer düster imaginierten Zukunft, die, anders als Bergs übliche Arbeiten, keinen Zukunftsentwurf bereithält.

Hinter aller Theaterkritik drängt sich die Frage auf, was die Autorin veranlasst zu ihrer zusammenhangslosen Aneinanderreihung von Thesen und Meinungen. Zwischen mäandernden Andeutungen triefen Kapitalismuskritik – natürlich –, Antikriegsrhetorik – natürlich – und unnötigem Zukunftsschmerz Satz für Satz zum Bühnenboden. Unzählige Triggerwarnungen versendet ihr Monologist an die jungen Leute und es bleibt unklar, ob sich Berg einfach nur über alles lustig macht oder es ihr zu unbequem ist, eine Position einzunehmen. Sehr deutlich wird hingegen, dass der Autorin und EU-Parlamentarierin die Ideen und Antworten ausgehen – ob aus Saturiertheit oder Ratlosigkeit. Relevant bleiben ihre Fragen jedoch auch ohne Neuigkeitswert. Für das Theater wird es somit immer vordringlicher, Antworten auszuloten.

  • Gesehen am 30. September 2026
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik zur Uraufführung in Hannover vom 26. September 2025.

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