‚Broder‘ von Dörte Hansen

Im Dorf war der Bahnsen-Hof schon immer der größte Hof. Ein sauberer Betrieb, den Paul an den älteren seiner beiden Zwillinge übergibt. Saubere Betriebe, so nennt der alte Bahnsen die Höfe, die gut laufen. Solide Wirtschaft mit gesunden Tieren. Hier wird Ordnung gehalten und so soll es bleiben unter Henning. Und Broder? Broder, der Jüngere, sieht Henning zum Verwechseln ähnlich. Doch anders als sein Bruder wollte er immer Bauer werden. Den Kuhverstand des Vaters erbt der Jüngere, doch der Ältere bekommt den Hof.

Als Broder vom Hof gejagt wird, geht er zur älteren Schwester nach Südfrankreich. Nicht wiederkommen und das heilen lassen, was kaputtging, so die Absicht. Er baut ein Gegenleben auf zum norddeutschen Betrieb, studiert, wird Tierarzt. Als das Schicksal zuschlägt, kommt er zurück in den Norden mit seiner Frau Marie-Claude, Künstlerin, und zieht ausgerechnet in das einzige Haus ohne Reet und ohne Klinker in der kleinen Stadt nebenan.

„Man schreit nicht seinen Vater an, wenn man vom Hof getrieben wird. Man tötet ihn im Traum. Dann tötet man den Bruder, viele Male, und wenn man aufwacht aus den Träumen, möchte man vor Scham und Sehnsucht sterben.

Dann zieht man einen Bannkreis um den Hof, hält Abstand, lebt woanders, wird ein anderer. Vergisst allmählich den Geruch von Milch und Gras-Silage, denkt nicht mehr an seine Herde. Bis man sie eines Tages brüllen hört.“ (S. 78)

Während Vater Paul die Tiere ansieht und befühlt, baut Sohn Henning auf den Fortschritt. Neueste Technik im Stall und Spitzenleister an der vollautonomen Melkanlage. Dörte Hansens vierter Roman ‚Broder‘ ist die literarische Verhandlung um Fort- und Rückschritt und die Frage, welche Veränderung in eine gute Richtung führt und welche ein Irrweg wird. Im Zentrum des 223 Seiten umfassenden Romans steht der alte Bauernhof der Familie Bahnsen. Drei Generationen unter einem Dach und zu allen Himmelsrichtungen Möglichkeiten.

Wie in ihren vorherigen Romanen auch beschreibt Hansen die Welt, wie sie ist. Die Brandruine des Hotels aus den 70er Jahren trutzt am Strand als bemoostes Betonversprechen. Am Ende des Romans wird es verschwunden sein und Broders Fragen beantwortet.

Denn Broder, Protagonist und verlorener Sohn, symbolisiert in Hansens parabelgleichem Gesellschaftsroman den selten gewordenen Kompromiss. Zwischen Rationalität und Tradition rüttelt der altersmüde Veterinär für Großtiere sich und den Bahnsen-Hof ordentlich durch – nicht immer freiwillig.

Dörte Hansens ‚Broder‘ ist ein Roman, der wie das Meer kommt und wieder geht. Im eigenen Tempo und mit teils gestelzter Sprache vergehen die Gezeiten. Darüber hinaus passiert wenig. Die Rahmenhandlung ist wenig komplex. Muss sie auch nicht, denn ‚Broder‘ nimmt Platz in der Sitzecke der Kindheit. Die drei Generationen hören einander zu, was sie sich zu berichten haben. Ein Roman als Familiengespräch am norddeutschen Küchentisch. Wenn auch manches vorhersehbar ist, bleibt die Familie doch immer eine größte Überraschung.

  • Gelesen im Oktober 2026
  • Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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