Der weite blaue Himmel entspricht in etwa jener Perspektive und Qualität des Fotos, in die sich Anna direkt verliebt bei ihrer Recherche nach Kurzzeitwohnangeboten. Sie könnten die herrlich großen Pflanzen pflegen, sagt Anna zu Tom. Und währenddessen könnten sie sich um ihre Jobs kümmern, erwidert er zu ihr. Etwas arbeiten, was nach wie vor Spaß, Hobby und Lifestyleteilzeit bedeutet und nicht Festanstellung, die mittelgut bezahlt wird.
In dieser Stadt, die unendliche Möglichkeiten und eine wunderbare Zukunft verspricht, nennen die Menschen sie Kreative. Ihren neuen Bekanntschaften und Auftraggeber:innen stellen sie sich hingegen als Creative Artists und Webdesigne Developer vor, während sie sich sonntags im Sisyphos kennenlernen. Anna und Tom zählen nicht mehr zu den frühen Pionier:innen, sondern profitieren als Zugereiste vom Knowhow der Communities. Ihr Wissen teilen sie zielgruppengerecht. Ihre unglaublich großzügige und unverschämt preiswerte Wohnung vermieten sie unter für den Easyjet-Trip nach Paris. Den Neuankömmlingen helfen sie bei Mietverträgen. Die Welt steht ihnen offen, wie Anna und Tom sie lieben und, sich in Berlin.
„Das bedeutet aber nicht, dass sie sie aus Konformismus aufsuchten wie die beruflich Involvierten: Sie waren dort, weil die Kunst der heimliche Herzschlag ihres Berliner Lebens war. Sie versorgte es mit Sauerstoff […] Die Galerien waren Bühnen und sozialer Treff, und die Feinsinnigeren behaupteten, sie seien »Salons«.“ (S. 36)
„Arm, aber sexy“ nannte der Regierende Bürgermeister seine Stadt und entwarf den besten Claim für ein ganzes Jahrzehnt. Vincenzo Latronico hat dieser Dekade und ihrer Protagonist:innen ein literarisches Denkmal gesetzt. ‚Die Perfektionen‘ handelt vom Ausbruch und Aufbruch. Von Menschen wie Anna und Tom mit Anfang 20, die Berlin zu Zehntausenden anlockte mit dem Versprechen: Hier seid ihr frei. Autofiktional portraitiert Latronico die Nullerjahre und ihre sie prägende Generation retrospektiv und meisterhaft. Seine Sprache ist zugewandt bis neugierig interessiert und kleidet den Subtext in eben jene lässige Eleganz, die für Berlins permanentes Provisorium typisch ist.
‚Die Perfektionen‘ ist auf 125 Seiten das perfekte Zeugnis einer immer wiederkehrenden Neuerfindung der Stadt Berlin. In seiner Ambivalenz zwischen ironischer Geste und leuchtendem Paradis reißt dieser Roman sein Publikum begeistert mit. Denn es ist wirklich alles perfekt. Es ist genauso wie auf den Bildern. Dieser Roman ist Ansichtskarte und Reiseführer als Lebensentwurf. Seine Protagonist:innen reduzieren ihre Inhalte zum Begleittext. Sie kreieren Unterschiede in einer neuen Gesellschaft der Singularitäten. Bis alle Differenzen kongruent zusammenlaufen.
„Der Raum hat aufgehört, grenzenlos zu sein. Abends durchtrabten Jogger das Tempelhofer Feld, die sich Warnblinker an ihre Funktionswesten hefteten und eine zuckende Lichtspur wie Sonarpings hinter sich herzogen. Die Häuserbrachen waren verschwunden. An ihrer Stelle waren neue Luxusbebauungen entstanden […] sie waren erlesen und einander in der Einrichtung so ähnlich, dass der Verdacht aufkommen konnte, die Bewohner seien Teil einer vordefinierten Standardausstattung.“ (S. 93)
Mein Fazit: Großartiger Roman.
- Gelesen im September 2026
- Ganz herzlichen Dank, lieber Frank, für dein Geschenk.