‚Oroppa‘ von Safae el Khannoussi

Für manche ist sie die größte Künstlerin ihrer Zeit. Für wenige, und diese kennen sie gut, bleibt sie eine Verrückte. Entnervt versucht Hannah Melger ein drittes Mal Salomé Abergel ans Telefon zu kriegen, aber niemand nimmt ab. Als sie ein schüchternes ja, bitte am anderen Ende vernimmt und sich die Stimme als entfernte Verwandte vorstellt, ahnt Hannah, hier stimmt etwas nicht. Salomé ist nicht zum ersten Mal verschwunden, erinnert sich Hannah. Als ihre Kunsthändlerin vertritt sie Salomé seit Beginn ihrer Karriere. Ihre Beziehung ist ambivalent – welche ist das nicht? –, aber diesmal stimmen die Koordinaten nicht.

Das Haus in der Churchill-Laan 270 ist dunkel. Von außen scheint es vollkommen verwaist. Der Versuch es sich im Innern behaglich zu machen, gelingt Hind el Arian, der schüchternen Stimme am anderen Ende der Leitung, nur bedingt. Hbib hat die entfernte Verwandte zur Hüterin des Hauses und Wächterin ihrer Werke ernannt. Als alter Freund besitzt Hbib den Schlüssel und Salomés Vertrauen. Er weiß um den Schatz und er weiß auch, dass Hannahs Absichten nicht uneigennützig sind.

Auch Salomés Sohn Irad ahnt nichts Gutes, als er matt von der Nacht im Café Cagnotte auf die niederländische Galeristin wartet. Müde ist er von der Arbeit. Sein Zuhause ist nicht mehr der Tag oder das Oben. Seine Welt wurde das Le Souterrain, seine Bar und Kneipe in der Halbwelt des Einundzwanzigsten. Amsterdam, Paris, Brüssel, Berlin und zurück über Casablanca: Alles wird zur Suche nach der Mutter und eine Offenbarung ihrer Geschichte.

„Über die Bewohner des Einundzwanzigsten gäbe es viel zu sagen, wenn auch immer nur in Abstraktionen und flüchtigen Begriffen. Beschreiben lassen sie sich nicht […] Das Einundzwanzigste jedenfalls gibt es tatsächlich. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen und viele Tage und Nächte dort verbracht. Dorthin zu gelangen war nicht leicht, zu erkennen, dass man angekommen war, noch schwieriger.“ (S. 288)

Von der Verbundenheit zwischen Menschen und Dingen, ihren Erinnerungen und Gedanken handelt Safae el Khannoussis Debütroman ‚Oroppa‘. Oroppa, die lautmalerische Bezeichnung für den europäischen Kontinent, den die Autorin in weitmaschigen, aber stabilen Stoff postmigrantischer Geschichten gewoben hat. Im Zentrum des autofiktionalen Romans steht die Künsterlin Salomé Abergel. Katalysator für die retrospektive Handlung wird ihr plötzliches Verschwinden aus Amsterdam. Stück für Stück erzählen wechselnde Antagonist:innen von ihrer Position und ihren Beziehungen zu Salomé: ihr Sohn, ihre Kunsthändlerin, ihr Freund und Bistrobesitzer, ihr Peiniger.

‚Oroppa‘ handelt von keinem Sehnsuchtsort und der Kontinent Europa wird zu keinem ausnahmslos guten Platz stilisiert. Auf 344 Seiten berichten die Erzähler:innen aus randständigen Perspektiven. Sie erzählen von einer Halbwelt unterhalb der sichtbaren. Von den Menschen, die uns in der U-Bahn ausnahmsweise eine übriggebliebene Münze wert sind. El Khannoussi sucht darüber die Auseinandersetzung mit der marokkanischen Geschichte und ihren kollektiven Traumata, die im europäischen Mainstream weitestgehend unbekannt sind.

„Er hob das Glas zum Anstoßen und sah mich durchdringend an, ein leises Schmunzeln umspielte seinen Mund. Dann rief er: Auf Oroppa! Wer kommt hier nicht vom Weg ab? Und ihr könnt mir alle den Buckel runterrutschen!“ (S. 343)

Dieses Debüt weitet den Kanon postmigrantischer Literatur bedeutend. Präzise und sprachgewaltig, unbändig und witzig, verhandelt Safae el Khannoussi Themen des arabischen Nordafrikas – Diktatur, Arabischer Frühling, Restauration – und stellt direkte Wechselwirkungen zu Europa und einer individuellen Vergangenheit her. In der sehr starken Übersetzung von Stefanie Ochel überzeugt dieser Roman dramaturgisch erstklassig. Sprachlich ist er ein seltenes Lesevergnügen und inhaltlich ein Lehrstück in Geschichtsvergessenheit, Psychologie und Gegenwart.

  • Gelesen im Juni 2026
  • Danke dir, Thomas, für deine außergewöhnliche, aber coole Empfehlung.

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