Der Rasierer klemmt noch hinter dem Heizungsrohr. Verlassen hat er mich nicht, denkt Abel in trügerischer Ahnung. Eine Unruhe breitet sich merklich in seiner Wohnung aus, die sie gemeinsam seit vielen Jahren bewohnen. Aus der vierten Etage am Bersarinplatz schauen sie direkt auf den Turm der Galiläakirche. Zuversicht spendet er keine. Abel muss raus. Raus und losziehen durch die Stadt Berlin, die sich verdoppelt hat vor wenigen Jahren.
Suchend schaut Abel hinter die Scheiben der rot-beigen Tatra-Wagen auf ihrer Route hinauf zum Prenzlauer Berg. Was er braucht, hat Abel dabei: Zigaretten, Kondome und fünf Hundertmarkscheine für die Nacht. Abel – was ist das überhaupt für ein Name – sucht die Orte seinesgleichen. Schwule Subkultur in Ost und in West. Neue Bekanntschaften und alte Geschichten, hüben wie drüben. Eine Rolle spielt es nie in der Sauna unterm Dach, am Märchenbrunnen, an der Löwenbrücke und im Bett des Goldenen Engels.
„Küsste der Engel Joe? Abel konnte es nicht erkennen, er blieb reglos liegen, sein Gesicht im Kissen vergraben. Das Bett hörte auf zu knarren, kein Jungpionier klingelt nach Altstoffen, die U-Bahnen warten unter der Erde, was geschehen würde. Die Stille begann zu singen, und fast hätte Abel, der auf Gott schiss, zu beten begonnen: Hilf uns. Ich weiß nicht, wie wir zusammen weiterleben werden nach diesem Abend.“ (S. 40)
Joe bleibt geronnene Erinnerung einer Liebe dazwischen. Zwischen westdeutscher Kleinbürgerlichkeit und Ostberliner Provinzialität. Eine schöne Replik auf den ersten Westbesuch noch vor dem Fall der Mauer mit ihrer elliptischen Erinnerung an Gustav. An die Jugend und seine Schönheit, an das nonverbale „Wie-die-Fliegen“-Sterben in der Aids-Epidemie der frühen 90er Jahre.
Michael Sollorzs Romandebüt aus dem Jahr 1994 ist ein authentisches Zeitzeugnis und eine Liebesgeschichte des Intermediären. Noch ist das Alte nicht tot und das Neue erst eine warme Hoffnung am Horizont. Eine Hoffnung worauf eigentlich? Sollorz erreichtet einen klaren Rahmen. 24 Stunden, ein Tag und eine Nacht mit Rückblenden und Ausblick. Aber worauf? Auf eine Zeit ohne Joe, die dem Ost-Berliner Protagonisten das Herz zerreißt. Seinen Schmerz ertränkt er im Sex, in den Parks, den Kneipen.
Wie lange kann der Burgfrieden zwischen uns halten, mein Freund, wenn man die Zukunft kennt und das, was aus unserem Burgfrieden schließlich geworden ist. Ein Café mit Ausschankschluss, vielleicht ein Reisebüro ohne die müden Männer aus der Gegend um Halle oder Hamm.
‚Abel und Joe‘ sind schlanke 149 Seiten, die still schreien vor Liebe, Verlust und Trunkenheit. Wo der Inhalt die Form geradezu zwingt, fahrig wird, betrunken torkelt, schlingert und ohne Fall zum Stehen kommt. Lakonische Lautmalerei ist Sollorzs Pinselzeug in diesem Roman, der zärtlich und aufrichtig den Wert des Zusammenseins verhandelt. Joe und Abel reiben sich, manchmal auch wund, und überwinden Hürden, Mauern, Haltungen. Manche Ängste überwinden sie nicht.
- Gelesen im März 2026
- Herzlichen Glückwunsch ans Prinz Eisenherz zum Deutschen Buchhandlungspreis und meinen Zufallsfund in eurer Auslage.