‚Vernichten‘ von Michel Houellebecq

Eine ungewöhnliche Serie von Videos taucht im Internet auf. Pauls Freund und Chef zugleich steht im Mittelpunkt. Pauls Freund Bruno ist der amtierende Wirtschaftsminister und gibt ihm als Mitglied seines Ministerkabinetts den Auftrag, sich mit dem Inlandsgeheimdienst in Verbindung zu setzen. Paul nimmt Kontakt auf und bespricht mit sehr versierten, dennoch ahnungslosen Schlapphüten den Sachverhalt. Einen blassen Schimmer, wohin die Reise geht, haben sie nicht. Paul ist bereits seit Kindertagen mit dem Geheimdienst vertraut. Gewissermaßen saßen sie täglich beim Abendbrot, er und der Geheimdienst. Pauls Vater, der bedauerlicherweise einen schweren Schlaganfall erlitt, war bis zur Pensionierung leitender Mitarbeiter. Paul möge doch Grüße bestellen, bitten seine Kollegen vom DGSI, und wenn er schon bei seinem Vater sei, er habe noch Unterlagen – ob er sie sichten könne? Das wäre wunderbar, wegen der Anschläge, Sie wissen schon.

Während es beruflich wie am Schnürchen läuft, ist Pauls Ehe seit Jahren ein Nullum. Prudence, ebenfalls im Ministerium, hat sich jüngst der Wicca-Strömung verschrieben, einer Paul bislang unbekannten Bewegung. Ob ihr neuartiges Verlangen nach Spiritualität in direktem Zusammenhang mit ihrer gegenseitigen Annäherung steht, weiß Paul nicht. Schlicht die Tatsache, die Sphäre des einzig noch geteilten Lebensbereichs – des Kühlschranks – auf alle weiteren Bereiche auszudehnen, beglückt Paul zutiefst und ermutigt ihn, Hoffnung zu schöpfen nach der Sache mit Bruno und seinem Vater.

Hoffnung und Rückbesinnung sind Schlüssel zu Michel Houellebecqs Roman ‚Vernichten‘. Bisweilen konträr zu seinen bisherigen Arbeiten, kommt ‚Vernichten‘ ohne das ganz große Kino aus. Selbst sein Protagonist Paul, klassischerweise männlich, Ende 40 und Mitglied der arrivierten oberen Pariser Mittelschicht, ist weniger frustriet, insbesondere sexuell, und beinahe sympathisch, obgleich den Dingen, die man auf den 616 Seiten erwartet, durchaus Raum geschenkt wird.

Michel Houellebecq hat erneut eine bemerkenswerte Gesellschaftsdiagnose geliefert. Mittelpunkt des Romans ist eine geradezu neo-romantische Biedermeierbewegung mit dem Rückzug ins Private und der Besinnung auf die Familie. Das Streben atomisierter Gesellschaften nach Gemeinschaft ist Houellebecqs Kernbotschaft, wenn er schreibt:

„Familie und Ehe waren die beiden verbliebenen Pole, die das Leben der letzten Bewohner des Abendlands in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts ordneten.“ (S. 453)

Familie als Anker im Sog der Zeit – Religion, Sektierertum und partikulare Kleinstgruppen als ihr Pendant. Houellebecq hat mit ‚Vernichten‘ einen Roman vorgelegt, der zeigt, welche Stellung alternde Gesellschaften mit vernachlässigbaren Geburtenraten den mehrheitlichen Kohorten einräumt. Sein mal fatalistischer und mal melancholischer Blick in die nahe Zukunft hat ungewohnt Rührendes, was andererseits Ausdruck herrlichen Humors ist, der – selbstredend – umstritten ist. Für meinen Geschmack hat Houellebecq erneut einen intelligent-schmerzlichen Befund zu Papier gebracht. Ohne verschüttete Milch, aber mit überraschungsreichem Verlauf.

  • Gelesen im Januar 2022
  • Aufmerksam geworden durch die Besprechung von Nils Minkmar vom 8. Januar 2022 in der Süddeutschen Zeitung, die selbst Preise verdient!

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