Achtung, Theater! – ‚Gaia googelt nicht‘ im Deutschen Theater

Der Anbeginn aller Dinge ist das Thema und am Anfang steht das Nichts. A, aah, aaahhhh, ahhaaa, ah, ja, jaaaa, jaahaaa hallt es im Uräther. Weltschöpferin Gaia ist wach, hellwach. Sie schöpft. Sie schöpf die Sonne und den Mond. Schöpft Zeit, Erde, Wasser, Licht, Liebe, Chaos, Yogakurse, Walddorfschulen, Titanen, Völker und schöne Dinge für die Welt. Für ihre Welt. Gaia, die Weltschöpferin, bis sie müde wird vom ganzen Staunen über ihr Schaffen. Also beschließt sie, Urania einen Phallus zu schenken. Im Nachhinein ein Missgeschick. Ohne Anleitung aber, ohne Blaupause. Shit happens.

Mit Uranos teilt sich die Welt in Sie und Er. Wunderschöne Lippen und, naja, Penisse. Gaia versichert den unfreiwilligen Freiwilligen keine Nachteile beim Tausch ihrer Lippen gegen einen Phallus. Doch Uranos, langweilig wird ihm. Unendlich langweilig. Gaia schöpft und schöpft und schafft an und wer muss allen Krempel verwalten? Uranus. Der ganze Haushalt und die Kinderpflege der Titanen und der anderen Kinder und Enkel und Urenkel, während Gaia schöpft und sich erschöpft und Uranos sich langweilt.

Der Anbeginn aller Dinge ist das Thema – Gaia als Wiedergeburt nach tausend Jahren Pandemie. Nele Stuhlers ‚Gaia googelt nicht‘ ist ein Stück aus der Zeit des Nichts, der kulturellen Verödung, dem permanenten Rausch geistiger Verkümmerung. Und plötzlich sind sie da, das Licht und die Zeit und der Rhythmus. Vor diesem Hintergrund ist ‚Gaia googelt nicht‘ ein Stück über uns selbst, das im Rahmen der Autor:innentheatertage 2021 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt wurde.

Mit Lisa Hrdina als Nichts und Uranos sowie Maren Eggert als ziemlich taffe Weltschöpferin Gaia kommt Tempo in eine Inszenierung, die Längen hat. Aber hey, wie fabelhaft, wieder vor Publikum zu spielen. Das Publikum: Verhaltene Reaktionen bis keine. An manchen Stellen wünscht man sich etwas mehr vom guten Humor, der, zum Wohle aller, ohne Slapstick auskommt. Der Restart der physischen Theatersaison ist ein gelungenes Comeback, das subtil, manchmal trivial, sehr charmant allgemeine Missgeschicke der Schöpfung verhandelt: das Patriarchat, binäre Geschlechterrollen, Rache, Scham.

Bei 25 Grad ist ‚Gaia googelt nicht‘ gutes Sommertheater nach tausend Jahren Stille im Nichts. Ohne Überforderung und ohne Vorstörendes hat das Deutsche Theater nach sehr bedauerlichen Arbeiten vor der Pandemie bewiesen, wieder Anliegen zu haben. Botschaften mit Haltung, die wahrgenommen werden wollen und sollen. Die erfrischendste Erkenntnis an einem lauen Sommerabend nach tausend Jahren Stille im Paradies.

  • Gesehen am 10. Juni 2021
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik.

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