Achtung, Theater! – ‚Melissa kriegt alles‘ im Deutschen Theater

„Was ist mit dem hübschen Gesicht?“, fragt die Trance. Dem hübschen Gesicht, dass das ganze Spiel am Laufen hält? „Es ist eine postrevolutionäre Depression“, meinte Ray und sie treten zurück und hinaus und schauen hinab. Sie schauen hinauf auf die Hand. Auf ihre Hand und ihre Hände mit dem Kaffeebecher auf dem Kopf, der gekonnt balanciert so gut aussieht. Überhaupt sehen sie alle so gut. Ausgezeichnet sehen sie aus auf dieser Bühne. Einer Bühne, auf der Brecht nie stand. Auch Helene Weigel nicht, diese schrullige Mutter. Brechts Mutter, die ihre Schäfchen dirigierte und ihnen durch die Haare säuselt. Grässlich. Die antiken Dramatiker und Lyriker und Schauspieler standen noch weniger auf dieser Bühne. Doch sie – sie immerhin – fügten den Balken hinzu. Trennten die alte Arena und durchbrachen das Rad, das Hamsterrad.

Es ist die Trance im Heute und Jetzt und Hier. Denn die Trance, sie hilft. Sie hilft gegen reaktionäres Brecht’sches Theater, gegen postrevolutionäre Depressionen und die innere Einsicht, nicht dabei gewesen zu sein. „Du warst nicht dabei, Ray, hörst du!“ „Aber wie kannst du nur?“ „Wie kannst du nur so umwerfend aussehen?“ „Deine Mütze, ja deine Mütze. Sie wird jetzt wieder so häufig getragen“, sagt Ray. „Ray? Hast du Zigaretten, Ray?“ Es ist die Trance.

Ganz dem Spielzeitmotto folgend – dem Spielzeitstatement – Alles Sofort will Melissa alles und zwar alles. Sofort. ‚Melissa kriegt alles‘ ist Schlachtruf zu Beginn und gleichzeitig Titel des 90-minütigen Theaterexperminents von René Pollesch. Worum es geht? Einem Banküberfall? Der postrevolutionären Depression im Militärkommunismus? Der Trance und wenn ja, welcher genau? Es geht um Alles und Nichts. Um Theatertheorie, Dialektik und einem permanenten Heraustreten. Der paradoxen Selbstreflexion – worüber eigentlich? Über sich selbst natürlich. Es sind die Singularitäten, die Franz Beil und Martin Wuttke als metaphorische Fragmente von A nach B tragen. Es sind unsere Singularitäten und niemand schaut hin. Es ist Non-Sense. Absurdes Theater unserer postrevolutionären Zeit. Die Totalität des Gleichzeitigen.

Die 90 Minuten am Deutschen Theater sind ein Schauspiel. Ein großes Schauspiel, das Tabea Braun so herrlich kostümierte, wie es einer Hauptstadt zu Anbeginn grässlicher Wintermonate ansteht. Insbesondere Kathrin Angerer und Martin Wuttke brillieren in Pelz und rotem Sommerkleid. Ob Post-Sowjet-Chic oder Hauptstadt-Trash – ‚Melissa kriegt alles‘ ist Entertainment für Große ohne banales Tamtam. Theater ohne Sinn, aber viel Verstand, grotesker Non-Sense auf einem Niveau. Theater, das unterhält, das fordert, das überfordert. „Lies doch mal ein Buch, dass du nicht verstehst“, kommentiert das Ensemble abwechselnd von irgendwem zu irgendwas. Darum geht es. Ums Missverstehen, ums Nicht-verstehen, ums Wundern und Lachen über sich selbst. Chapeau!

  • Gesehen am 8. Oktober 2020
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik.

2 Antworten auf „Achtung, Theater! – ‚Melissa kriegt alles‘ im Deutschen Theater

  1. „Oh ne banales Tam tam“, hör mal, was für einen tollen Rhythmus die Wörter haben, die du benutzst! O – nö – banalas – TAM TAM!

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