Achtung, Theater! – ‚Jugend ohne Gott‘ im Maxim-Gorki-Theater

Für die meisten von uns waren Klassenfahrten Highlights des Schuljahres. Oder irre ich mich? Korrigieren Sie mich, falls ich mich irre. Ich meine, die Schüler müssen raus aus der Stadt und das Land kennenlernen. Gerade vor dem größten Feiertag der siechenden Weltreligion – Ostern. Und jetzt nach dieser unsäglichen Klassenarbeit. Ich finde es ausgesprochen richtig, die Kinder hinzuweisen, dass das N-Wort verletzt. Vielleicht nicht sie. Die Betroffenen allemal. Und dass die Klasse daraufhin direkt einen anderen Lehrer fordert. Unmöglich! Sowas gab es damals nicht. Neger sind auch Menschen, habe ich gesagt. Der Direktor sprang mir immerhin bei, als der Vater von N mich aufsuchte. Nun fahren wir auf Klassenfahrt. Das ist gut. Und das Lager – so genau müssen wir schon sein. Es ist ein Lager. Ein Lager also in das wir zur Klassenfahrt aufbrechen. Ja, wir werden es gut hinter uns bringen.

Der Lehrer als einsamer Ich-Erzähler. Die Kinder, die Schüler der Klasse als wilde Meute. Sind Kinder so? Kinder, die ein paramilitärisches Lager besuchen? Gewiss. Wir gehen jedenfalls davon aus. Im Biotop Schule sind Lehrer, sind Schüler so. Beide Generationen vereint ohne Gott. Die eine hat ihn verloren. Die andere ihn nie gekannt. Jetzt tritt Detlef Pollack auf den Plan. Doch dazu gleich mehr.

‚Jugend ohne Gott‘ ist ein philosophisches Stück. Ein Stück, dass ins Heute gehört. Die Aufgabe des Haus- und Hofregisseurs Nurkan Erpula bestand darin, Ödön von Horváth auf die Gegenwart hin zu befragen. Das gelingt und zwar ausgesprochen gut. Erpula hat mit blutjungem Ensemble ein 100-minütiges Stück auf die Bühne gebracht, das sagt, was wichtig ist. Was der Generation Z wichtig ist. Was mir wichtig ist. Und was den Babyboomern wichtig war. Wichtig war, denn sie haben Gott verloren. Sie vertrauen nicht mehr auf die Reinheit der Religion und des Glaubens. An die große Vorsehung und den Plan des Herrn. Nach Detlef Pollack lautet die Antwort: Klasse! Prima und herzliche Gratulation zur Erkenntnis. Der Zweck von Religion – und jeder anderen Ideologie – besteht nämlich in der Kontingenzbewältigung. Der Fähigkeit also, die Zufälle des Lebens erklärbar zu machen. Es scheint, die Jugend ohne Gott hab diese Gewissheit intuitiv mit der Muttermilch aufgesogen.

Jugend – mit und ohne Gott – ist aufwühlend. Ist überwältigend durch Impuls, durch Kennenlernen und Entdecken, durch Wollen, aber nicht Können, durch offene Fragen. Wegen einer Naivität, die der Jugend vorbehalten ist. Alissa Kolbuschs Bühnenbild fängt diese Stimmung ein. Die Bühne in Form einer Welle belebt permanent und wird durch das Ensemble zum Rauschen, zu stürmischen Wogen. In klar gegliederten Kapiteln glänzen insbesondere Tiffany Köberich und Felix Kammerer in wechselnden Rollen. Chapeau!

‚Jugend ohne Gott‘ ist als Jugendstück inszeniert, was dem Theatervergnügen für Altvordere keinen Abbruch tut. ‚Jugend ohne Gott‘ ist philosophisches Seminar. Pro- und Hauptseminar in einem. Das Kabinett großer Denker. Pollack wurde bereits genannt. Auch Kant fehlt nicht, Schopenhauer, Carl Schmitt auch nicht. Namedropping ohne Dropping für Anfänger und Fortgeschrittene. Gutes Theater auf alter Bühne. Mit unnötiger Keule und überväterlicher Ansprache am Ende. Eben doch ein Jugendstück mit Botschaft und Lehrauftrag. Denn Ästhetik geht vor Moral.

  • Gesehen am 26. April 2019
  • Hier eine Kritikerstimme der Nachtkritik aka Stage and Screen.

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