Achtung, Theater! – ‚Kunst‘ von Yasmina Reza im Berliner Ensemble

Der Antrios ist schuld. Dabei hätte sich Serge nicht ausdenken können, was der Antrios auslöst. Gut, 200.000 France. Aber es ist ein Antrios und das ist er wert! Dass Marc, sein bester Freund, den Antrios nicht schätzt, ja, sogar ablehnt. Grotesk! Er lehnt ihn ab. Marc sagt: „Es ist eine Scheiße“ (S. 12). Eine Scheiße, sagt er, ohne ihn zu verstehen. Die 200.000 France sind lächerlich im Vergleich zu ihrer Freundschaft. 15 Jahre kennen sie sich – 15 Jahre. Es ist lächerlich. Es ist wahrlich eine Scheiße. Wo bleibt Yvan? Evan sollte vor einer Stunde kommen! Das ist nicht seine Art. Sie wollten ins Kino, eine Kleinigkeit essen. Sich stärken. Es sollte ihnen Spaß machen. Aber Yvan! Dieser schlaffe Charakter, ein Opportunist. Yvan hat immerhin den Antrios nicht abgelehnt. Er hat ihn gemocht. Er hat seine Farbigkeit gelobt. Das ganze Spektrum von Gelb und Grau und auch etwas Rot. Yvan muss es Marc sagen. Dass der Antrios nicht weiß ist. Er ist nicht weiß!

Serge, liebenswerter Snob und Besitzer eines weißen Ölgemäldes auf weißem Grund mit weißen Streifen, meint, Marc „gehört zu diesen neuen Intellektuellen, die sich nicht allein damit begnügen, Feinde der Moderne zu sein, sondern die sich unbegreiflicherweise auch noch etwas darauf einbilden“ (S. 11). Damit dekonstruiert er einen latent vorhandenen, sich bereits in den 90er Jahren in Frankreich forcierenden Cleavage, der die europäische Politik heute beinahe dominiert. Chapeau! ‚Kunst‘ ist kein politisches Schauspiel. Es ist Soziologie. Pâté en croûte und zwar so fein serviert, dass der Witz, die galoppierende Entfremdung zwischen Serge (Martin Rentzsch), Marc (Wolfgang Michael) und Yvan (Sascha Nathan) binnen 90 Minuten leicht bekömmlich zu genießen ist.

Gewiss ist die Handlung bekannt. Yasmina Rezas ‚Kunst‘ ist mit 79 Seiten so ausgezeichnet wie kompakt. Glücklicherweise hat sich Oliver Reese für eine Inszenierung nah am Original entschieden. Ohne künstliche Längen mit einem Text sehr nah an Rezas Stoff. Das einfältige Bühnenbild trübt die sprachliche Brillanz und schauspielerische Leistung nur wenig. ‚Kunst‘ ist ein Stück, was Freude macht. Es ist ein Familienstück. Ein Stück über den Kunstbetrieb, dass zwar schmeichelhafter daherkommt, doch aber stark an Michel Houellebecqs ‚Karte und Gebiet‘ erinnert. Ein Hoch auf die Hochkultur und gleichzeitig ein gutes Fazit. Mit ‚Kunst‘ ist jedes Fest ein gelungenes – im wahrsten Sinne des Wortes. Frohe Weihnachten!

  • Gelesen im Mai 2016
  • Eine wunderbare Empfehlung von Kai; vielen Dank, lieber Kai!
  • Gesehen am 23. Dezember 2018

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