‚Mit der Faust in die Welt schlagen‘ von Lukas Rietzschel

Sicherheit nach Innen und Außen ist die erste Aufgabe von Staatlichkeit. Moderne Demokratien gelten durch den Sozialstaat als legitim. Ideologien sind politische Weltanschauungen, deren Umsetzung empirische Folgen haben, ganz gleich wie irrational deren Grundannahmen sind. Jede Ideologie erfüllt dabei die Aufgabe, Kontingenz zu bewältigen. Was mit diesen politikwissenschaftlichen Lehrsätzen gemeint ist, insbesondere wenn sie in der Wahrnehmung der Menschen nicht mehr zutreffen, lässt sich täglich in der Tagesschau beobachten und in Lukas Rietzschels Debütroman eindrücklich nachlesen.

Der letzte Samstag im August war ein großer Tag für Tobias. Stolz hielt er die Zuckertüte in beiden Händen. Nur kurz stellte er sie auf den noch blanken Bodenfliesen ab, um die Spitze nicht abzuknicken. Auf einem Stuhl sitzend, bildete Tobias mit seiner Zuckertüte die Mitte eines Halbkreises, den seine Eltern, Großeltern, sein Bruder Philipp sowie andere Gäste füllten. Er war ein braver Junge, der den Anweisungen seiner Eltern folgte. Als Tobias die schlicht gebundene Schleife öffnete, klickten die Fotoapparate. Schließlich sollte der Moment für Tobias‘ Eltern und insbesondere ihn selbst unvergesslich werden! Unvergesslich war der Moment auch für die jungen Syrer zehn Jahre später, als Tobias sie krankenhausreif schlug.

Rietzschel will nicht klug elaborieren. Die Stärke seines Buches liegt in der emotionalen Tiefe und Versessenheit, Verfall zu beschreiben; ganz nüchtern und ohne Umschweife. Seine Protagonisten sind nicht (mehr) die typischen Wendeverlierer. Tobias entstammt einer Familie der kleinbürgerlichen, ländlichen Mittelschicht – hübsches Häuschen, die Mutter Krankenschwester, der Vater auf Montage. Verfall meint sozialen Verfall und Verlust von Bindung, von Bodenhaftung, sozialen Normen. Zwar treffen auch vermeintlich einfache Wahrheiten (Mach lieber eine Ausbildung; dann verdienst du schnell dein eigenes Geld und hast was Solides in der Hand) auf unfähige Eltern, die nicht begreifen. Und als sie begreifen, aus Angst wegschauen.

Auf 319 Seiten zeichnet Rietzschel Biografien nach, wie sie in den Käffern unserer Kindheit viel zu oft geschrieben sind. Es könnte seine eigene sein. Er, der nicht nach Berlin oder Hamburg zog. Es ist ein Roman, der kenntnisreich von Jugendkultur berichtet. Ein durchaus gelungener Coming-of-Age-Roman – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sollte er den Anspruch erheben, den Beweis zu führen für die besonderen Grundlagen des Rechtspopulismus in Ostdeutschland, scheitet er, was keineswegs der Qualität der Lektüre Abbruch tut. Sprachlich im Stakkatostil auf das Wesentliche reduziert, fühlte ich mich stark an Als wir träumten von Clemens Meyer erinnert. Als Gesellschaftsdiagnose der vergangenen zehn Jahre wenig erbaulich, wie ich finde. Schön ist anders!

  • Gelesen im September 2018
  • Zufallsfund in der Buchbox Lette-, Ecke Schliemannstraße in P-Berg.

 

 

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