Als Anti-Euro-Partei gestartet, hat die AfD mehrfach aberwitzige Wandlungen vollzogen und sich kontinuierlich radikalisiert. Bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung ist sie bundesweit in allen Parlamenten etabliert und wird wahrscheinlich im Dezember 2026 den ersten Ministerpräsidenten eines Bundeslandes stellen. Unzählige Autor:innen haben sich seit ihrer Gründung mit dem Erfolg der Partei befasst. Doch der politischen Klasse und ihren handelnden Personen ist es seitdem nicht gelungen, den wachsenden Zuspruch aufzuhalten oder ihr gar eine tragfähige Antwort entgegenzusetzen.
In seinem aktuellen Sachbuch ‚Deutschland 2033‘ entwirft Justus Bender einen stringenten Handlungsleitfaden. Gleichzeitig entwickelt er als Hauptargument einen Gegenentwurf zur Brandmauer, deren Wirksamkeit insbesondere von Konservativen in Zweifel gezogen und von der Empirie zunehmend widerlegt wird.
Theoretisch bekräftigt Bender die Analyse von Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger, die sie 2025 in ‚Zerstörungslust‘ umfassend und unglaublich klug ausgeführt haben. Bender greift ihre These auf, der Liberalismus führe zu immer mehr (gefühlten) Zumutungen – der Bevormundung im Alltag, wie man zu sprechen, zu heizen und zu fühlen habe – und reflektiert unseren demokratischen Modus der politischen Auseinandersetzung.
Seit Kant und der Aufklärung wird Politik als menschliches Handeln im Wettstreit um das bessere Argument begriffen. Argumente werden rational und sachlich in Rede und Gegenrede vorgebracht. Selbst wenn man am Ende übereinkommt, nicht übereinzukommen, stellt niemand die Spielregeln in Frage. Rechtspopulist:innen und ihre wachsende Nachhut tun das unverhohlen – oft zum eigenen, rationalen Nachteil. Hier setzt Bender an und sieht die Antwort in der individuellen Emotion.
Auch hier stimmen Nachtwey, Amlinger und Bender überein. Ihrer Argumentation nach unterstützen Menschen rechtspopulistische Parteien aus dem Wunsch nach eigener Anerkennung, Glück und Zugehörigkeit. Und möglich wurde dies durch eine katalysatorische Vorbedingung für diesen Effekt: das Internet.
„Das Internet hat seinen Beitrag geleistet, Böckenfördes These wahrzumachen. Es entwertete – subversiv, wie es ist – die moralischen und staatlichen Autoritäten; es bestärkte den Einzelnen in seinem Drang, nur sich zu sehen; es bot sich als Vehikel für all jene an, die ihren Überdruss mit der liberalen Ordnung kultivieren wollten; es verhinderte rationale Diskurse, weil es sie einer ständigen Konkurrenz aussetzte mit verführerischen emotionalen, aufwühlenden und sensationellen Inhalten.“ (S. 110)
Als stellvertretender Leiter des Politikressorts der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung begleitet Justus Bender die AfD seit ihren Anfängen 2013. Mit seinem Wissen um die Partei hat der Autor ein Szenario entwickelt, das natürlich fiktiv, aber nicht unwahrscheinlich ist: Jens Spahn als CDU-Vorsitzender und gescheiterter Kanzlerkandidat macht Alice Weidel zur Bundes- und Volkskanzlerin. Auf 284 Seiten skizziert er einerseits den Weg zur ersten AfD-geführten Bundesregierung und beschreibt die Vorbedingungen für einen autoritären Maßnahmenstaat. Andererseits zeigt Bender Handlungsoptionen auf, wie sich sein Szenario im Sinne der wehrhaften Demokratie beeinflussen ließe.
‚Deutschland 2033‘ ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Appell an die Zivilgesellschaft, vor allem aber an die politische Klasse, im Social-Media-Zeitalter endlich mitzuspielen. Eine Aushandlung des besten Arguments mit unabhängiger Moderation und sachkundigen Expert:innen einer arbeitsteiligen Gesellschaft existiert nicht mehr. Sein Appell fußt daher auf einer weiteren Feststellung: Die Menschen möchten ernst genommen werden, auch wenn ihre Gründe nicht auf Sachargumenten basieren, sondern auf subtilen Gefühlen beruhen. Diese Gefühle aufzugreifen, kann ein Weg sein, so Bender, bevor die Menschen auf die AfD hereinfallen. Bender betont das Wie – ob mit einfachem Zuhören oder reflexartigem Argumentieren.
Was ich etwas verkopft auf einen Kern konzentriere, gelingt Bender rhetorisch glänzend und in seiner Analyse auf den Punkt. Mitreißend analysiert der Autor komplexe politikwissenschaftliche Theoreme ohne moralisierenden Duktus. Überliest man die ersten, unnötig pathetischen Seiten, ist ‚Deutschland 2033‘ das beste Sachbuch, das ich seit Langem gelesen habe.
- Gelesen im Oktober 2026
- Aufmerksam wurde ich auf das Buch durch die Rezension von Tim Frehler in der Süddeutschen Zeitung vom 20. August 2026.