Nördlicher Gesundbrunnen, hart an der Grenze. Soldiner Kiez, Prinzenallee, erster Hinterhof. Hier wird Theater gespielt. Für die Menschen aus der Prinzenallee, dem Soldiner Kiez, dem nördlichen Gesundbrunnen, in Mitte, Berlin, der Bundesrepublik Deutschland. Hart an der Grenze. denn das, was im Ballhaus Prinzenallee gezeigt wird, ist politisch. Und die Nachrichtensprecherin kommentiert: Auch Deutsche unter den Opfern!
Zwischen 1999 und 2007 verübt der NSU drei Sprengstoffanschläge, 15 Raubüberfälle, zehn Morde und insgesamt 43 Mordversuche. Unglaubliche Ermittlungspannen führen zum größten Behördenversagen von Polizei und Verfassungsschutz seit Jahrzehnten. Parlamentarische Untersuchungsausschüsse decken strukturelle Vertuschungen, politische Ermittlungsbeeinflussung und gezielte Vernichtungen von Unterlagen auf. Die Zahl der Mittäter ist umstritten. Schätzungsweise 100 bis 200 Personen, darunter staatlich finanzierte V-Leute und rechtsextreme Funktionäre, werden mit den Verbrechen der terroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund in Verbindung gebracht.
Die Bühne ist unverstellt. Die zweireihige U-Bestuhlung begrenzt den freien Bühnenvorraum, in dessen Mitte unzählige beschriebene Blätter Papier als Kreis ein Zentrum bilden. Ob V-Mann-Akten oder Prozessunterlagen: Tropfen für Tropfen leckt Blut vom Schnürboden auf die papierbedeckte Saalmitte. Papier ist geduldig.
Freya Kreutzkam, Lukas David Schmidt und Jonas Broxtermann deklamieren ihren Text, tanzend und singend um das papierbedeckte, blutbefleckte Zentrum der eineinhalbstündigen Inszenierung ‚NSU – Auch Deutsche unter den Opfern‘. Es ist kein Text wie jeder andere. Er ist Anklage und Erinnerung, fassungslose Trauerrede und selbstermächtigende Erinnerung. Die kollektive Arbeit basiert chronologisch auf den Taten, deren Opfern gedacht wird.
Dabei bespielt das Ensemble eine unerwartet breite Klaviatur von schauspielerischer und musikalischer Tragkraft. Zudem verdichtet die Dramaturgie von Saliha Kerkhoff den Stoff pointiert und erzeugt durch die intensive Rekapitulation eine emotionale Dichte, die die Akteur:innen auf hohem Niveau umsetzen.
‚NSU – Auch Deutsche unter den Opfern‘ ist ein Stück, dass niemanden kalt lässt. Es stiftet kollektive Erinnerung, die es braucht. Mal ekstatisch, mal provozierend, mal ruhig, um im nächsten Augenblick die buchstäbliche Fassung wieder zu verlieren. Das Stück erschüttert fundamental und umarmt zugleich durch den Ort, an dem es gezeigt wird. Die Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger bezeichnete das Ballhaus Prinzenallee kürzlich als ihr wichtigstes Theater in Berlin-Mitte. Als Theaterliebhaber und Bezirksverordneter verstehe ich nach diesem Abend noch viel besser, was sie meint.
Mein Fazit und meine Bitte an euch: Fahrt in den Gesundbrunnen und besucht das Ballhaus Prinzenallee. Schaut dieses Stück und besucht die anderen Inszenierungen!
- Gesehen am 22. März 2026
- Und hier die Stimme der Nachtkritik.