Kreuzberg 36 ist der Ort seiner Kindheit, seiner Jugend und ja, auch heute in seinen Anfang-30ern. So richtig raus kommt Vito nie, also raus aus Berlin. Hier mal ein Job, da ein Casting und anderswo wieder irgendwas mit Medien. Aber abends geht es immer wieder flott zurück in Papas alte 100-qm-Wohnung auf der Oranienstraße. Der Kotti ist für Vito mehr als sein Zuhause. Hier hat er seine große Liebe getroffen – und nach Jahren wieder verloren. Der Klassiker um die 30 hätte sein Therapeut gesagt. Trotzdem zieht die Trennung Vito das zweite Mal in seinem Leben den Boden unter den Füßen weg. Als seine Mutter starb, war er 17. Nicht mehr ganz jung, aber jung genug, um überhaupt nicht zu wissen, wie weiter und wie umgehen mit seinem jungen Leben ohne Mutter.
Und so schlingert dieser Prototyp von einem Berliner Verpeilo durch die Straßen. Stellt morgens vor einem Job begeistert fest, dass das erste Bier zu gut schmeckt, um auf ein zweites zu verzichten. Gönnt sich, gibt sich. Fühlt sich selten richtig an der nächsten Haltestelle, wenn der 140er mal wieder gar nicht kommt oder im Rudel um die Ecke biegt.
„Ich dachte mir schon mit achtzehn, überzeug deinen Vater so gut du kannst, dass er den Mietvertrag behält […] Du bist nicht heimatlos. Du weißt, wo du herkommst. Berlin ist deine Heimat […] Du bist privilegierter aufgewachsen als die meisten anderen in deinem Kreuzberg 36. Vergiss das nicht. Guck in deinen deutschen Pass. Guck auf dein Konto. Und wenns da nicht rosig aussieht, guck auf das Konto deines Vaters. Andere kriegen Schulden vererbt.“ (S. 51)
Echt jetzt? So ein unglaublicher Schnulli, dieser Vito. Einfach in den Arsch treten möchte man ihm – zweimal – und ihn anschließend in den Arm nehmen. Und nicht mehr loslassen, wenn er wieder von vorne beginnt, rumzuheulen. Genau das will Vito, Protagonist und Ich-Erzähler in Anton Weils erstem Roman „Super einsam“. In die Arme genommen werden will er – wer will das nicht?
238 Seiten in 238 Minuten. So hastig lässt der Autor seinen Helden fliegen, der sich ständig beim Landen verstolpert, sich hinlegt, sein Alltag zur lustigen Eskapadenvolte wird, so wie schlicht der ganze Roman. Was Anton Weil an Konturierung seiner Charaktere vermissen lässt, schießt er an drehbuchreifen TikTok-esken Snippets hinterher. Damit steht er Helmut Krausser absolut in nichts nach, ebenso wenig inhaltlich wie Bov Bjerg in seiner Vater-Sohn-Geschichte ‚Serpentinen‘.
‚Super einsam‘ ist ein Roman, den man knuddeln möchte oder belanglos belächelt wie seinen Protagonisten. Der den Sound der Millennials in Klarheit und Volumen grandios trifft – eine große Stärke des Romans –, aber nur schwer aus seiner hastigen Netflix-Effekthascherei herauskommt. Für mich war ‚Super einsam‘ der richtige Roman zur richtigen Zeit. Die perfekte Ablenkung in vollen ICEs an grauen Winterabenden. Nicht unterkomplex, aber stereotyp genug für eine massenkompatible soziologische Nabelschau.
- Gelesen im Februar 2025
- Danke dir, lieber Jakob. Ich finde es absolut gerechtfertigt, Bücher nach Frontcovern zu kaufen.