‚Hof‘ von Thomas Korsgaard

Für Tue ist Jütland kein schöner Ort zum Urlaub machen, sondern eine ziemlich harte Kinderstube. Tue ist 14 Jahre alt und lebt mit zwei Hunden und zwei Geschwistern auf dem elterlichen Hof. Seine Familie lebt nicht nur räumlich abseits. Der Hof steht kurz vor der Insolvenz, als Tues Onkel einspringt und alles stillschweigend übernimmt. Auch seine Großeltern unterstützen die Familie, insbesondere seine Mutter. Ihre kürzliche Fehlgeburt, die Sorgen um Hof und Auskommen haben eine schwere Depression zur Folge. Rauhändig, kratzbürstig, aggressiv sind Duktus und Habitus von Tues sozialer Welt. Kein schöner Ort zum Aufwachsen, wo andere Leute Urlaub machen.

„Er kaute mechanisch und energisch. Seine Unterlippe verschwand in seinem Mund, wie immer, kurz bevor er die Kontrolle verlor. Dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. ‚Du Schlampe. Das war kein Scherz, als ich gesagt habe, dass wir auf Pump leben. Du kannst das Geld nicht einfach so aus dem Fenster werfen.‘ Meine Mutter zündete sich eine Zigarette an und stand auf. Es war totenstill. Sie ging zurück ins Arbeitszimmer. Aus dem Lautsprecher hörte man den Mann vom Pokerspiel.“ (S. 208 f.)

Weites Land und geistige Enge: Thomas Korsgaard zeichnet in seinem Debütroman und ersten Teil seiner Tue-Trilogie ‚Hof‘ einen hartherzigen und kulturlosen Ort. Ein Dänemark, das geprägt ist von harter Arbeit, kleinbürgerlicher Enge, Missgunst und Klauberei. Handlungsort und gitterndes Zentrum ist der elterliche Hof. Die Schule und die Besuche bei den Großeltern – die Busfahrt kommt einer Weltreise gleich – sind die äußeren Endpunkte einer beschränkten Welt. Zwar imitiert Korsgaards junger Held und Ich-Erzähler Tue die Gepflogenheiten: stiehlt, piesackt inmitten emotionaler und körperlicher Gewalt. Zugleich ist ‚Hof‘ auch ein klassischer Coming-of-Age-Roman, der Tues Entwicklung erzählt, sein Hadern verfolgt, seine Skepsis beobachtet und seinem Eskapismus nachgeht. Dabei kreiert der Autor Miniaturen, die in 53 Kapiteln eine erstaunliche Gesellschaftsskizze bilden.

Auf 282 Seiten wird ‚Hof‘ zu einem bemerkenswerten Roman, der in einer Linie stehen kann zu den emanzipatorischen Entwicklungsarbeiten von Édouard Louis oder Didier Eribon: Der Geschichte eines schwulen Jungen, der in einem prekären Milieu heranwächst, dem Vorbilder fehlen, der aber spürt, dass dieser Ort kein guter für ihn ist. Aber auch Romane, die vom Wandel bäuerlichen Lebens handeln, können Referenzpunkte sein, wie beispielsweise ‚Mittagsstunde‘ von Dörte Hansen oder ‚Tierreich‘ von Jean-Baptiste Del Amo.

‚Hof‘ ist ein Roman, dessen Fortsetzung vorhersehbar sein mag. Ein Roman, in dem durch Abwesenheit von Sprache oft Gewalt als Mittel und Ausweg wählt wird. Und dabei ist Thomas Korsgaards zurückgenommener Schreibstil die größte Freude an diesem gut ausgearbeiteten Erstling, der Lust macht auf den zweiten Teil.

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