‚Böse Schafe‘ von Katja Lange-Müller

Soja steht an der Ecke Winterfeldtplatz, raucht eine Zigarette und wartet, um hinaufzugehen in eine befreundete WG. Jeweils freitags nimmt sie dort vorfreudig auf das Wochenende ein Wannenbad. Schicke Gegend, krächzt Harry belustigt. Soja stutzt, stolpert über diese Selbstsicherheit und lässt sich wenige Stunden später prompt auf einen Kakao am gleichen Ort ein. Hin und weg war Soja, die vor nicht einmal einem Jahr aus Ostberlin auf diese bunte Insel kam, wo überall ringsum nur Osten liegt.

Harry, markantes Kinn, breite Schultern, durchdringender Blick aus stecknadelknopfgroßen Pupillen, ist geboren und aufgewachsen im Westteil der Stadt. Immer schon hier gewesen, tönt er stolz und schwupp­di­wupp ist es um Soja geschehen. Naiv ist sie nicht mit ihren bald 40 Jahren. Harry ist es ebenso wenig nach zehn Jahren Knastologie und Gitterkunde. Rauschgiftdelikte. Geraderaus erzählt er Soja, dass er per Haftbefehlt gesucht wird und warum. Wie es weitergeht nach Harrys Pick-up und wie Soja schnurstracks in die Co-Abhängigkeit schliddert, erzählt Katja Lange-Müller in ihrem 2009 erschienen Roman ‚Böse Schafe‘

„Wir liegen auf den Matratzen, Kopf an Kopf, bewegen uns kaum, atmen flach. Deine Augen sind geschlossen, meine schauen hoch zum offenen Fenster… Wir haben einander und Zeit; nichts sonst, doch davon ganz viel, obwohl es scheint, als existiere sie gar nicht mehr.“ (S. 205)

Westberlin, Ende der 80er Jahre. ‚Böse Schafe‘ ist die gereifte Variante großstädtischer Drogen-Romane. Katja Lange-Müller stellt ins Zentrum ihres 205 Seiten umfassenden Romas ein ungleiches Paar: die Protagonistin und Ich-Erzählerin Soja und ihren Antagonisten Harry, einen heroinabhängigen Mann Mitte 40, der eigentlich nur in den Arm genommen will. Große Stärke des Romans ist, neben der authentischen Alltagsbeschreibung, die zum Ende hin immer präsentere Verhandlung der aufkommenden Aids-Epidemie, die Lange-Müller wider gängiger Literaturvorlagen nicht im schwulen Umfeld platziert. Wenngleich Harry nun auch nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht, richtet die Autorin ihren weiten Fokus auf jene Zwischentöne und Schattierungen, die den Kosmos Westberlin für viele so interessant machte.

‚Böse Schafe‘ ist ein Roman über das shabby Berlin, seine stinkenden Ecken, seine heruntergerockten nassen Hinterhöfe, den hässlichen Drogensumpf. Gleichzeitig steht im Mittelpunkt das unermüdliche Streiten einer Protagonistin für einen Menschen, an den sie glaubt, vom dem sie geradezu abhängig ist. Lange-Müller wählt konsequent die Retrospektive und lässt Soja nach der Lektüre von Harrys Tagebuchaufzeichnungen im inneren Monolog ihren Weg suchen nach Neuorientierung, nach einem Umgang und einem Anker im letztlich wiedervereinten Berlin.

Mein Fazit: ‚Böse Schafe‘ ist kein Sonnenscheinroman, aber einer, der im allgegenwärtigen Kanon irgendwelcher autofiktionalen Alt-Nazi-Familienepen und DDR-Wende-Geschichten wirklich erfrischend ist.

  • Gelesen im Juni 2024
  • Ganz herzlichen Dank, lieber Thomas, für deine Empfehlung. Und natürlich hast du recht, es ist kein Moabit-Roman…

Eine Antwort auf „‚Böse Schafe‘ von Katja Lange-Müller

  1. Knastologie und Gitterkunde 😂 und ich dachte schon, es geht um etwas Lustiges.

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    div>Die 80ger waren sch

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